AAR EDITION INTERNATIONAL
      Meditative Musik                              Fortsetzung 1
Der Prozeß
der musikalischen Wahrnehmung

Zum Be­reich der rei­nen mu­si­ka­li­schen Wirk­lich­keits­er­fas­sung zäh­len: das äu­ße­re Hö­ren, das in­ne­re Hö­ren und da­bei: das (in­ne­re) Er­ken­nen der mu­si­ka­li­schen Pa­ra­me­ter: Ton, Mo­tiv, Se­quenz, Har­mo­nie.

Das Er­ken­nen die­ser mu­si­ka­li­schen Pa­ra­me­ter ge­schieht in be­zug auf den mu­si­ka­li­schen Ton­raum durch un­ser in­ne­res Ge­hör und in be­zug auf den Mo­tiv­raum, den Se­quenz­raum und den Har­mo­nie­raum mit­tels un­se­res In­tel­lekts, mit­tels un­se­res Ge­fühls und un­se­res Ver­stan­des.

Die äu­ße­re Wahr­neh­mung be­trifft un­ser Wahr­neh­men der Tö­ne im akus­ti­schen Raum, al­so die Wahr­neh­mung des von au­ßen an uns Hö­rer he­ran­ge­tra­ge­nen Mu­sik­er­eig­nis­ses.

Das struk­tu­rel­le Er­fas­sen des mu­si­ka­li­schen Ton­raums mit un­se­rem in­ne­ren Ge­hör ist an die Klar­heit der Ab­bil­dung des Tons in un­se­rem Geis­te ge­bun­den und ist dem­nach erst ein­mal von der Funk­ti­ons­fä­hig­keit un­se­res Geis­tes ab­hän­gig.

Es ist aber auch ab­hän­gig von der sen­si­blen Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit un­se­res in­ne­ren Ge­hör­sinns – von des­sen Wach­heit.

Das struk­tu­rel­le Er­fas­sen des mu­si­ka­li­schen Mo­tiv­raums ist von ei­ner noch ex­ak­te­ren Geis­tes­funk­tion ab­hän­gig; denn die­se be­stimmt ja die Ge­nau­ig­keit der to­nal-struk­tu­rel­len Ab­bil­dung, wel­che die Mo­tiv­ab­bil­dun­gen ent­hält.

So­dann ist das Er­fas­sen des mu­si­ka­li­schen Mo­tiv­raums von der Er­kennt­nis­fä­hig­keit un­se­res In­tel­lekts ab­hän­gig, denn die­ser ist es, wel­cher mit Hil­fe un­se­res ana­ly­sie­ren­den Ver­stan­des im Mo­tiv­raum die Mo­tiv­ent­fal­tun­gen er­mit­telt und mit Hil­fe un­se­res syn­the­ti­sie­ren­den Ge­fühls die­se Mo­tiv­ent­fal­tun­gen als zu­sam­men­hän­gen­de Me­lo­die er­kennt – als Ein­heit der Mo­tiv­ent­wick­lung.

Das struk­tu­rel­le Er­fas­sen des mu­si­ka­li­schen Me­lo­die­rau­mes ba­siert auf ei­ner noch leis­tungs­stär­ke­ren Geis­tes­funk­ti­on; denn zum Er­fas­sen der Me­lo­die muß die Ton­struk­tur auf un­se­rer Geis­tes­ober­flä­che noch ge­nau­er ab­ge­bil­det sein, und die Ton­pa­ra­me­ter müs­sen in ih­rem Auf­ein­an­der­be­zo­gen­sein voll­stän­dig er­kannt wer­den, da­mit wir die viel­fäl­ti­gen ver­schie­de­nen Mo­tiv­ent­wick­lun­gen ganz­heit­lich er­fas­sen kön­nen – als Ein­heit und gleich­zei­tig als von­ein­an­der Un­ter­schie­de­nes.

Erst das dif­fe­ren­zier­te und gleich­zei­tig in­te­grier­te Er­fas­sen der Mo­tiv­ent­wick­lun­gen mit Ge­fühl und Ver­stand er­mög­licht das Er­ken­nen der Me­lo­dien und be­deu­tet dann: das mu­si­ka­li­sche Er­fas­sen der Ab­bil­dung ei­nes in­di­vi­du­el­len Le­bens­we­ges.

Stre­ben wir je­doch an, in der Mu­sik meh­re­re Le­bens­we­ge gleich­zei­tig zu er­fas­sen, so müs­sen wir dies von ei­ner hö­he­ren Er­kennt­nis­stu­fe aus vor­neh­men; denn wir müs­sen nicht nur ei­nen ein­zi­gen dar­ge­stell­ten in­di­vi­du­el­len Ent­wick­lungs­gang er­ken­nen und er­le­ben, son­dern meh­re­re bis vie­le gleich­zei­tig.

Und der ge­heim­nis­vol­le Reiz die­ser mu­si­ka­li­schen Er­kennt­nis­stu­fe liegt nicht so sehr im nur äu­ße­ren Be­trach­ten oder Ver­ste­hen von cha­rak­ter­li­chen Ent­wick­lun­gen so­wie von dar­auf auf­bau­en­den Le­bens­we­gen, son­dern er liegt ganz be­son­ders in dem per­sön­li­chen gleich­zei­ti­gen Er­le­ben vie­ler ver­schie­de­ner We­ge der in­di­vi­du­el­len mensch­li­chen Voll­en­dung.

In den Mu­sik­räu­men der Se­quen­zen kön­nen wir die Er­fah­rung ma­chen, ganz ver­schie­de­ne Le­ben gleich­zei­tig zu durch­le­ben und da­bei per­sön­lich ganz ver­schie­de­ne Le­bens­we­ge gleich­zei­tig zu be­schrei­ten – als ein und der­sel­be kön­nen wir uns in un­se­rem Er­le­ben gleich­zei­tig in ganz un­ter­schied­li­chen Kör­pern und un­ter An­wen­dung ganz ver­schie­de­ner Ver­hal­tens­me­cha­nis­men be­we­gen.

Die Welt der Har­mo­nie je­doch bie­tet uns das per­sön­li­che Er­leb­nis ei­ner un­end­li­chen Viel­falt gleich­zei­tig mit­ein­an­der ge­leb­ter Le­ben, wel­che sich vor un­se­rem geis­ti­gen Au­ge und in­ner­halb un­se­res ge­sam­ten Emp­fin­dens be­we­gen wie leuch­ten­de Ge­stir­ne auf frei­en Bah­nen.

Und je­des die­ser Ge­stir­ne sind wir selbst; und je­de ein­zel­ne Bahn ist un­ser ei­ge­ner ganz in­di­vi­du­el­ler Le­bens­weg; und die­ses Er­le­ben ist in die­sem höchs­ten Sta­di­um un­se­res Mu­sik­hö­rens, un­se­rer mu­si­ka­li­schen Wahr­heits­er­kennt­nis, un­se­re ganz per­sön­li­che Wahr­heit.

 

PETER HÜBNER – Natürliches Musikhören
      „Der Prozeß der musikalischen Wahrnehmung“  

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