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Fortsetzung 14

Die Zukunft des Orchesters


Modern Times Symphony No. 1 - 3rd Movement

Peter HÜBNER
Modern Times Symphony

3. Satz


Archaische Solisten
Großes Philharmonisches Orchester
Großes Perkussions-Orchester
Archaische & Elektronische Instrumente

Label: Dissonance in Excellence
Gesamtspielzeit: 55’25”




Für weitere Informationen und wenn Sie
in das Werk hineinhören möchten,
besuchen Sie bitte:


Classical Music Group

JOURNALIST: Wie se­hen Sie die Zu­kunft des Or­ches­ters?

PETER HÜBNER: Das Sym­pho­nie-Or­ches­ter hat mei­nes Er­ach­tens für neue Mu­sik kei­ne Zu­kunftschance. Es wird ver­schwin­den, wie die Di­no­sau­rier ver­schwun­den sind. Mit der mo­der­nen Di­gi­tal­tech­nik ist ei­ne Tech­no­lo­gie ent­stan­den, die ganz an­de­re Mög­lich­kei­ten bie­tet als das kon­ven­tio­nel­le Or­ches­ter.

Man darf nicht ver­ges­sen: über 90% des­sen, was heu­te un­ter dem Na­men Mu­sik über den Äther rauscht, hat den kon­ven­tio­nel­len Mu­si­ker nicht ge­se­hen. Im Mo­ment be­trifft dies noch mehr oder we­ni­ger die Pop- und Un­ter­hal­tungs­mu­sik – aber es ist nur ei­ne Fra­ge der Zeit, daß die­se Ent­wick­lun­gen auch auf die Klas­sik über­grei­fen und dort be­acht­li­che Leis­tun­gen der In­ter­pre­ta­tion her­vor­brin­gen, die all das, was wir heu­te so als In­ter­pre­ta­tion klas­si­scher Mu­sik mit dem kon­ven­tio­nel­len Or­ches­ter ken­nen, in den Schat­ten stel­len.
Doch auch hier dürf­te die­ser ge­nann­te Vor­teil künst­le­ri­scher Leis­tung für die Ab­schaf­fung des Sym­pho­nie­or­ches­ters nur die Ne­ben­rol­le spie­len; denn wie schon vor­her er­wähnt, ist die Mit­wir­kung im kon­ven­tio­nel­len Or­ches­ter stark ge­sund­heitsge­fähr­dend.

Zum ei­nen wird dem Mu­si­ker im Or­ches­ter­lärm das Ge­hör ge­schä­digt. Der Or­ches­ter­lärm über­steigt das me­di­zi­nisch zu­läs­si­ge Maß bei wei­tem – mit 135 De­zi­bel um das 32fa­che.
Zum an­de­ren ver­langt die Mit­wir­kung im Or­ches­ter vom ein­zel­nen Mu­si­ker ein über­gro­ßes Maß an Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit; denn bei der Auf­füh­rung har­mo­ni­scher Mu­sik – was die ge­sam­te Klas­sik be­trifft – wird ein ein­zi­ger fal­scher Ton ei­nes ein­zi­gen Mu­si­kers so­fort von al­len wahr­ge­nom­men

Die­sen Druck hält der Mu­si­ker nicht lan­ge aus. Das Sys­tem des heu­ti­gen Or­ches­ters bringt es mit sich, daß Feh­ler ei­nes Di­ri­gen­ten vom Pub­li­kum über­haupt nicht wahr­ge­nom­men wer­den.

Die­sen Druck hält der Mu­si­ker nicht lan­ge aus. Das Sys­tem des heu­ti­gen Or­ches­ters bringt es mit sich, daß Feh­ler ei­nes Di­ri­gen­ten vom Pub­li­kum über­haupt nicht wahr­ge­nom­men wer­den. Und den­noch hat er sich im Lau­fe der Zeit zu je­ner In­sti­tu­tion hoch­ge­spielt, die dar­über wacht, daß auf sei­ten des Mu­si­kers kein Feh­ler ge­macht wer­den darf.

Und kommt es bei ei­nem Mu­si­ker öf­ters vor, daß er ei­nen fal­schen Ton spielt, dann kann er sich ei­ne an­de­re Ar­beit su­chen. In­so­fern steht der Mu­si­ker des Or­ches­ters per­ma­nent un­ter Streß.

Er hat Fa­mi­lie, er hat Kin­der, für die er sor­gen muß, er hat auch sei­ne per­sön­li­chen Sor­gen und Nöte wie je­der an­de­re, aber er muß völ­lig feh­ler­frei ar­bei­ten. Das kann auf die Dau­er nicht gut­ge­hen.

Die Er­kennt­nis die­ses Sys­tems des kon­ven­tio­nel­len Or­ches­ter­ap­pa­ra­tes und je­ner per­ver­sen Auf­füh­rungs­si­tu­a­ti­on, die die mensch­li­chen Un­zu­läng­lich­kei­ten ein­fach ig­no­riert, treibt den Mu­si­ker schritt­wei­se in die Fru­stra­ti­on, und zu­sam­men mit der im­mer grö­ße­ren Be­las­tung im zu­neh­men­den Al­ter treibt sie vie­le von ih­nen zum Al­ko­hol, zur Auf­putsch­dro­ge oder zur Me­di­ka­men­ten­sucht.
All das zu­sam­men macht ihn schließ­lich krank. Dies gilt ganz be­son­ders auch für die Frau­en im Or­ches­ter, die im all­ge­mei­nen noch sen­si­bler sind, als die männ­li­chen Mit­glie­der oh­ne­hin schon sind, und die des­halb der Streß­be­las­tung noch we­ni­ger ge­wach­sen sind.

Man darf nicht ver­ges­sen: der Or­ches­ter­ap­pa­rat ist ei­ne Re­li­quie aus Zei­ten der Dik­ta­tur. Aus die­sem Grun­de war his­to­risch die Fra­ge nach der Frei­heit des Mu­si­kers, nach sei­nem Wohl­be­fin­den, nach sei­ner Ge­sund­heit und nach sei­ner Über­for­de­rung, nach sei­ner psy­chi­schen Be­las­tung und nach sei­ner Fru­stra­tion kein The­ma.
Er muß­te funk­ti­o­nie­ren wie der Sol­dat. Heu­te ist das an­ders. Heu­te muß man sich in der de­mo­kra­ti­schen Welt sehr wohl um die Ge­sund­heit des Sol­da­ten küm­mern, und das­sel­be wird man auch beim Mu­si­ker des Or­ches­ters tun müs­sen.

Aber spä­tes­tens mit der Fra­ge nach der Ge­sund­heit des Mu­si­kers und ih­rer me­di­zi­ni­schen Ant­wort fin­det das kon­ven­tio­nel­le Sym­pho­nie­or­ches­ter – zu­min­dest so, wie es heu­te funk­ti­o­niert – sein En­de.

Das be­deu­tet des­halb aber nicht zwin­gend not­wen­dig das En­de des Mu­si­kers. Hier tut sich ein rie­si­ges Feld von di­gi­ta­len Mög­lich­kei­ten vor ihm auf, und wenn er ge­nü­gend Lie­be zur Mu­sik in sich trägt und Welt­of­fen­heit, dann wird er ler­nen, sich die­se Mit­tel zu­nut­ze zu ma­chen, und er wird In­ter­pre­ta­tio­nen her­vor­brin­gen, die die Hö­rer in po­si­ti­ves Er­stau­nen ver­set­zen.
In die­sem Fal­le wird er zum frei­en Mitt­ler zwi­schen dem klas­si­schen Mu­sik­schöp­fer und dem Hö­rer – ohne ir­gend­wel­che Kon­trol­leu­re.



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