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Avant Garde Musik
Fortsetzung 16

Die modernen Interpreten






Peter HÜBNER
Fluch oder Segen:
doch



Partiturseite der Oper






JOURNALIST: Wie se­hen Sie In­ter­pre­ten, die ato­na­le Mu­sik auf­füh­ren?

PETER HÜBNER: Der In­ter­pret ist ja das ers­te me­di­zi­ni­sche Op­fer der Mu­sik, die er auf­führt – im po­si­ti­ven wie im ne­ga­ti­ven Sin­ne.
Kein In­ter­pret kann so un­sen­si­bel sein, daß er nicht merkt, daß ato­na­le Mu­sik ihm un­an­ge­nehm ist. Na­tür­li­cher­wei­se wür­de der In­ter­pret – da er ja an ers­ter Stel­le Mensch ist und dann Mu­si­ker – ganz spon­tan das Hö­ren und dann ent­spre­chend auch das Auf­füh­ren ato­na­ler Mu­sik ab­leh­nen.

Man muß sich al­so fra­gen: „Was bringt ei­nen In­ter­pre­ten da­zu, ato­na­le Mu­sik – ge­gen die sein gan­zer Or­ga­nis­mus re­vol­tiert – auf­zu­füh­ren?“
Erst ein­mal könn­te man ganz ein­fach sa­gen, er ist nicht ganz bei Tros­te. Si­cher­lich trifft das auch im­mer zu. Aber ich glau­be auch, daß bei ihm Trieb­fe­dern vor­herr­schen, wel­che den na­tür­li­chen Ge­sund­heits­wil­len un­ter­drü­cken.

Ich ken­ne be­kann­te In­ter­pre­ten mo­der­ner Mu­sik, wel­che fast rei­ne Ver­stan­des­men­schen sind und die ato­na­le Mu­sik ent­spre­chend rein vom Ver­stan­de her auf­füh­ren. Dies gilt im be­son­de­ren auch für Di­ri­gen­ten. Die­se In­ter­pre­ten sind in der Klas­sik nicht leis­tungs­fä­hig, weil ih­nen das Ge­fühl fehlt, wel­ches sie zur Auf­füh­rung die­ser Mu­sik ein­fach brau­chen.

Die zwei­te Grup­pe der In­ter­pre­ten, die mo­der­ne ato­na­le Mu­sik hier und da auf­füh­ren, sind die we­ni­ger in­tel­li­gen­ten, mehr ge­fühls­du­se­li­gen.

Das Wort „Ge­fühl“ be­zieht sich dar­auf, daß sie ge­wohnt sind, har­mo­ni­sche klas­si­sche Mu­sik mit viel Ge­fühl und Sen­ti­menz recht er­folg­reich dar­zu­bie­ten. Das `we­ni­ger’ in­tel­li­gent be­zieht sich dar­auf, daß sie glau­ben, sie könn­ten sich mit der ge­le­gent­li­chen Auf­füh­rung ei­nes avant­gar­dis­ti­schen Wer­kes auf­wer­ten.
So ver­su­chen sie, sich das Män­tel­chen des Mo­der­nen um­zu­hän­gen, und man fin­det sie dann auch leicht bei den ge­ho­be­nen Ver­nis­sa­gen mo­der­ner Kunst wie­der – schick ge­klei­det, in­tel­li­gen­ter Au­gen­auf­schlag, Top­fri­sur, wis­sen­der Blick. Und das Wort ‚du­se­lig‘ be­zieht sich dar­auf, daß sie zwi­schen dem Na­tür­li­chen und Un­na­tür­li­chen nicht zu un­ter­schei­den ver­mö­gen.

Vom klas­si­schen Mu­sik­schöp­fer aus ge­se­hen, han­delt es sich hier um den dum­men In­ter­pre­ten, der kei­nen ei­ge­nen mu­si­ka­li­schen Stand­punkt hat, son­dern ge­ra­de so sein In­stru­ment be­herrscht, um sich selbst mit Hil­fe von Mu­sik ins rech­te Licht zu rü­cken – ganz so wie je­nes Mo­del, wel­ches zwar für die Vor­füh­rung von Klei­dern be­zahlt wird, aber ganz jen­seits die­ser Auf­ga­be im­mer nur dar­auf ach­tet, selbst im rech­ten Licht zu ste­hen und zu glän­zen.

Ich möch­te aber ei­nem Miß­ver­ständ­nis vor­beu­gen: ich spre­che hier nur über In­ter­pre­ten und nicht über Kom­po­nis­ten. Für den nicht in­spi­rier­ten Reiß­brett­kom­po­nis­ten, den es schon zu al­len Zei­ten gab und den es auch heu­te in der Mas­se gibt, in­klu­si­ve der zahl­rei­chen mehr oder we­ni­ger dis­kret kom­po­nie­ren­den Di­ri­gen­ten, kann das se­riel­le Kom­po­nie­ren, selbst wenn es ato­nal ist, als The­o­rie und auf dem No­ten­pa­pier durch­aus in­ter­es­sant er­schei­nen – aber nur dann, wenn er es in­ner­lich nicht zu hö­ren ver­steht.
Es be­steht ja ein rie­sen­gro­ßer Un­ter­schied – was den per­sön­li­chen Ein­druck an­be­langt – zwi­schen No­ten, die man nur so gra­fisch dar­ge­stellt sieht und liest, und Klän­gen und Tö­nen, die man hört.

Aber der In­ter­pret stößt spä­tes­tens auf das Hö­ren, wenn er die No­ten in Tö­ne und Klän­ge um­setzt – und hier kann er sich der na­tür­li­chen ab­leh­nen­den Hal­tung sei­nes Or­ga­nis­mus ge­gen­über dem Dis­har­mo­ni­schen und Un­na­tür­li­chen – wenn er bei Tros­te ist – nicht wi­der­set­zen.
Die meis­ten Or­ches­ter­mu­si­ker be­trifft die­se gan­ze Sa­che gar nicht, denn es han­delt sich hier mei­nes Er­ach­tens im all­ge­mei­nen um ver­nünf­ti­ge Men­schen. Die meis­ten von ih­nen wür­den ato­na­le Mu­sik na­tür­li­cher­wei­se kaum oder gar nicht auf­füh­ren.
Aber ehr­gei­zi­ge Di­ri­gen­ten und So­lis­ten kön­nen sie lei­der da­zu ver­pflich­ten und kön­nen so­mit letzt­lich auch vom Mu­si­ker für die da­mit ver­bun­de­nen ge­sund­heit­li­chen Schä­den haft­bar ge­macht wer­den.

Ich hat­te ein­mal in Brüs­sel ein In­ter­view mit ei­ner Mu­sik­re­dak­teu­rin, die ei­nen avant­gar­dis­ti­schen Kom­po­nis­ten zum per­sön­li­chen Freund hat­te und die sich dem­ent­spre­chend über die­se mei­ne Mei­nung furcht­bar auf­re­gen zu müs­sen glaub­te.
Ich sag­te ihr nur, sie sol­le sich ein­mal vor­stel­len, sie be­kä­me ein Kind, wel­ches so aus­sä­he, wie sich die ato­na­le Mu­sik an­hört – wür­de sie sich das wün­schen?
Da­mit war die Sa­che ein­leuch­tend ge­klärt.



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©  A A R   E D I T I O N   I N T E R N A T I O N A L   2001