Avant Garde Musik
Fortsetzung 18
Der revolutionäre musikalische Weg
von der dissonanten Gesellschaftskritik
zur musikalischen Harmonie mit den
Gesetzen der Natur
Peter HÜBNER
Fluch oder Segen:
doch
Partiturseite der Oper
JOURNALIST: Herr Hübner, könnte man sagen, daß Ihr musikalisches Engagement für die Natur verschiedene Phasen durchlaufen hat?
PETER HÜBNER: Ja, das könnte man so nennen. Am Anfang standen harmonikale Kompositionen, die in ihrer Struktur denjenigen Harmoniegesetzen folgten, die auch in den Werken der Klassiker zum Ausdruck gelangen.
Dann, zur Zeit meiner Immatrikulation an der Musikhochschule Köln und von dort deutlich beeinflußt durch die allbeherrschende Lehrmeinung, die klassische Musik der großen Tonschöpfer fände ihre logische Weiterentwicklung in der atonalen Musik der „Internationalen Avantgarde“, hatte sie die Gestalt einer scharfen und dissonanten musikalischen Gesellschaftskritik.
In einem meiner ersten musikalischen Bühnenwerke, in „Fluch oder Segen: doch“, setze ich mich äußerst kritisch mit den natürlichen individuellen, sozialen und ökologischen Entwicklungsmöglichkeiten auseinander und ganz besonders auch mit den Hindernissen, die einer freien und natürlichen Entfaltung entgegenstehen. Und da paßt dann auch eine dissonante Form der musikalischen Beschreibung zu solcher disharmonischen Weltsicht.
JOURNALIST: Ihren revolutionären musikalischen Weg von der dissonanten Gesellschaftskritik zur musikalischen Harmonie mit den Gesetzen der Natur erschließen wir vielleicht am sichersten aus diesem Ihrem ersten großen Bühnenwerk „Fluch oder Segen: doch“, wo Sie sich inhaltlich mit „Gott und der Welt“ auseinandersetzen.
PETER HÜBNER: Ja, Kchatom, die Hauptperson der „Oper“, betrachtet das viele Unglück, das er überall in der Welt sieht, als ein Werk des Teufels.
Und er geht dabei soweit, daß er den Teufel sogar als den Schöpfer der Welt sieht, welche nach dessen Regeln so viel Leid entfaltet. Sein Freund Herax der Held der Masse warnt ihn vor solch einer radikalen Weltsicht und wird dabei selbst von den Naturgewalten erschlagen.
Vor dem geistigen Auge Kchatoms schafft der Teufel die Welt und gibt ihr seine Gesetze.
Sodann lehrt er alle diejenigen, welche in der Gesellschaft nach höheren Positionen streben, seine Gesetze in der Welt zu achten und besonders in der Erziehung konsequent anzuwenden.
JOURNALIST: In dem großangelegten pantomimischen Ballett untersuchen Sie die grundlegenden Mechanismen einer solchen „teuflischen“ Erziehung, in welcher das Individuum in die Vermassung und den Konsum in die versteckte Sklaverei hineingezwängt wird und zeigen auch schon, wie man üblicherweise mit Außenseitern verfährt: mit solchen, die sich einem solchen Erziehungsmechanismus widersetzen.
PETER HÜBNER: Entsprechend diesen modernen Erziehungsidealen der individuellen Unterdrückung zeigen sich dann auch im weiteren Verlauf der Handlung vor dem geistigen Auge Kchatoms die Entwicklungen der großen geistlichen Strömungen der Menschheit: der Religionen.
Zu allen Zeiten schon wurden die Neuerer ausgestoßen, umgebracht oder für verrückt erklärt bis auf den heutigen Tag.
© A A R E D I T I O N I N T E R N A T I O N A L 2001