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Avant Garde Musik
Fortsetzung 19






Peter HÜBNER
Fluch oder Segen:
doch



Partiturseite der Oper






JOUR­NA­LIST: In Ih­rem Büh­nen­werk „Fluch oder Se­gen: doch“ stel­len Sie die we­sent­li­chen Sta­tio­nen die­ser Ent­wick­lun­gen als die Ma­ni­fe­sta­tio­nen der in­ne­ren Vor­stel­lun­gen und Über­le­gun­gen Kchatoms auf der Büh­ne dar. Und er selbst fin­det sich schließ­lich – aus sei­nen träu­me­ri­schen Über­le­gun­gen er­wa­chend – in der heu­ti­gen christ­li­chen Zeit als der ewi­ge „ent­ar­te­te“ Re­vo­lu­tio­när wie­der. Und kaum be­rich­tet er öf­fent­lich von sei­nen Vi­si­o­nen über die un­ethi­sche Si­tu­a­tion der Welt, da wird er von der christ­li­chen In­sti­tu­tion aus der Kir­che aus­ge­schlos­sen.

PETER HÜBNER: Nun kann die Kir­che in der heu­ti­gen Zeit den ei­gen­stän­dig den­ken­den Men­schen nicht mehr so ein­fach öf­fent­lich um­brin­gen oder ver­ja­gen, son­dern sie kann ihn heu­te nur noch öf­fent­lich ver­un­glimp­fen und vor ihm nur noch weg­lau­fen in den Schutz ih­rer kirch­li­chen Bau­wer­ke und um­zäun­ten Lie­gen­schaf­ten.

JOUR­NA­LIST: Das An­er­bie­ten der Kir­che ge­gen­über Kchatom, sich der Ge­mein­de gläu­big an­zu­schlie­ßen, mit ihr in die Kir­che zu ge­hen und dort sei­ne frei­en Über­le­gun­gen in der Rou­ti­ne des re­li­gi­ö­sen Ze­le­brie­rens zu er­sti­cken, lehnt Kchatom ab.

PETER HÜBNER: Ja, er hat zu­viel er­kannt und er­lebt, um hier noch den Rück­weg an­tre­ten zu kön­nen.

Und so durch­denkt er noch ein­mal al­le bis­he­ri­gen Er­fah­run­gen von al­lem An­fang an – in die­sem Fal­le al­les, was er auf der Büh­ne als Zu­schau­er er­lebt hat, was sich aber ei­gent­lich aus sei­nem geis­ti­gen Au­ge her­aus in sei­ner ei­ge­nen Phan­ta­sie ent­wi­ckelt hat: die Schaf­fung der Welt durch das Wort und die Hand des Teu­fels, so­wie die Ein­hal­tung sei­ner Ge­set­ze durch die ehr­gei­zi­gen Ge­sell­schafts­füh­rer der ver­schie­de­nen Zei­ten und die An­wen­dung sei­ner Ge­set­ze bei der Er­zie­hung neu­er Ge­ne­ra­tio­nen: das kon­se­quen­te Hin­lei­ten der gan­zen Welt in den Pro­zeß der Selbst­ver­nich­tung, in die in­di­vi­du­el­len, so­zi­a­len und öko­lo­gi­schen Kri­sen, wel­che Pflan­zen, Tie­re und Men­schen glei­cher­ma­ßen an den Rand des exis­ten­ti­el­len Ab­grunds füh­ren.

JOUR­NA­LIST: Bei dem er­neu­ten Re­ka­pi­tu­lie­ren die­ser gan­zen Vor­stel­lung von der Welt kri­stal­li­sie­ren sich vor dem geis­ti­gen Au­ge Kchatoms zwei gro­ße Sze­nen sei­nes Le­bens her­aus:

Er er­kennt sich selbst in der Rol­le des Si­sy­phus, wie er im­mer wie­der mit größ­ter An­stren­gung den ge­wal­ti­gen Ko­loß sei­nes Be­mü­hens den ho­hen Berg der Evo­lu­tion hin­auf­wälzt und wie ihm al­les Mü­hen ent­glei­tet, in­dem er al­tert, stirbt und re­sig­niert, be­vor er den Gip­fel sei­nes mensch­li­chen Stre­bens er­reicht – und dies im­mer und im­mer wie­der.

Und er sieht sich selbst in der Rol­le des Diogenes, wie er – jen­seits all sol­cher un­frucht­ba­ren Be­mü­hun­gen – am Fu­ße des aus ei­ge­ner Kraft un­er­klimm­ba­ren Ber­ges sei­ner Evo­lu­tion in sei­ner Höh­le sitzt und für die si­sy­phus‘schen An­stren­gun­gen kei­ner­lei Sinn hat.



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©  A A R   E D I T I O N   I N T E R N A T I O N A L   2001