Avant Garde Musik
Fortsetzung 20
Die Frage nach Sinn und Zweck
des Lebens
PETER HÜBNER: Und auch viele seiner Mitmenschen beginnen sich und ihr Leben mit dem vermeintlich erfolglosen Tun bzw. Nichttun von Sisyphus bzw. Diogenes zu identifizieren, und sie sagen sich nach zwei Jahrtausenden christlicher Erziehung: auch unser Leben gleicht in allen Zügen dem fruchtlosen Bemühen des Sisyphus:
Wir beginnen mit großem Elan unsere Karriere in der menschlichen Gesellschaft, doch auf diesem Wege treten uns schon sehr früh Krankheit und Unglück entgegen, und schließlich werden wir alt und wissen nicht, wo die Reise unseres Lebens hinführt: wir sterben ohne Wissen.
Und warum sollen wir nicht all dieses irrsinnige Bemühen um Dinge, die keinen Bestand haben und die uns auch keinen Bestand geben, fallen lassen und als Hippie oder Penner, als überzeugter Arbeitsloser in die Lebensspuren jenes großen Weisen Diogenes treten, der ja den schwitzenden und ächzenden Sisyphus immer wieder unverrichteter Sache zu seinen Füßen ankommen sieht.
Während die Mitmenschen Kchatoms aus ihrer religiösen, dogmatischen Beschaulichkeit ins Schwanken geraten und mittels der Visionen von Sisyphus und Diogenes die Unzulänglichkeit ihres bisherigen Bemühens erkennen, gelingt es Kchatom, in seinem Inneren die Einheit jener beiden scheinbar so grundverschiedenen Lebensrollen des Sisyphus und Diogenes zu erkennen was ihn plötzlich von allen Lebenssorgen befreit: er erkennt die Welt als das Produkt seines freien Willens und seiner schöpferischen Phantasie.
JOURNALIST: Und er ist sich seiner persönlichen Freiheit bewußt, einen negativen Teufel, aber ebensogut einen gütigen Gott als den Schöpfer der Welt anzusehen.
PETER HÜBNER: Und dies versetzt ihn in die Lage, auf den Schöpfer wie auf einen guten Freund zuzugehen und ihn als solchen zu begrüßen jene schlichte Person, die in diesem Bühnenwerk von der christlichen Gemeinde als ein Bettler angesehen wird, welchem man achtlos Almosen hinwirft.
JOURNALIST: In Ihrem Bühnenwerk "Fluch oder Segen: doch" gehen Sie also von jenem Verständnis aus, daß aufgrund des unermeßlichen, unerklärlichen Unglücks in der Welt nur der Teufel als der Schöpfer der Welt angesehen werden kann. Und Sie zeigen schließlich auf, daß mit gleichem Recht ein positiver Gott als der Schöpfer der Welt gedacht werden kann.
PETER HÜBNER: Daß diese positive oder jene negative Welterkenntnis nicht eine Sache der Welt selbst ist, sondern einzig und allein im Auge des Betrachters verborgen liegt.
JOURNALIST: Und Sie zeigen darüber hinaus die Möglichkeit einer menschlichen Entwicklung auf, welche diese Sicht einer schlechten Welt als einem Werk des Teufels oder jener guten Welt als einem Werk Gottes überschreitet und also zu einer übergeordneten Weltsicht führt, die in der Erkenntnis von gut und schlecht, in der Erkenntnis von Raum und Zeit, in der Erkenntnis von Licht und Schatten, in der Erkenntnis von Form und Formlosigkeit selbst den großen Irrtum eines Lebens in Unwissenheit sieht nützlich zur Schaffung unterdrückender Erziehungsmechanismen: zum ehrgeizigen gesellschaftlichen Aufstieg geeignet, diese ganze Welt an den Rand des Abgrunds zu führen.
PETER HÜBNER: Ja, Kchatom wächst in die Rolle jenes blinden Sehers, der nicht wirklich äußerlich blind ist, sondern der dem ureigenen Lebensgesetz und der ureigenen inneren Lebensschau mehr Rechte zubilligt*7 und damit dem eigenen Gewissen und freien Willen mehr vertraut, als allen vermassenden Religionen, Philosophien und Ideologien, die den einzelnen schließlich doch nur verzagt vor der großen Frage seines persönlichen Lebens alleine lassen Auge in Auge gegenüber der erfolglosen Lebensrolle des Sisyphus oder jener fatalistischen des Diogenes.
JOURNALIST: Dieses Bühnenwerk „Fluch oder Segen: doch“ haben Sie in den Jahren 1958 bis 1966 geschaffen und für großes Orchester, elektronische Musik sowie Chor und Solisten konzipiert. Es ist seriell gehalten, also in einer weiterentwickelten Form der Zwölftonmusik komponiert.
Mit „Fluch oder Segen: doch“ stoßen Sie nicht nur an die Grenzen jener sogenannten modernen, dissonanten Avantgarde der Mitte des 20. Jahrhunderts vor, sondern Sie öffnen auch neue Tore bei der Verbindung von Orchestermusik mit elektronischer Musik, im Bereich der Regie, der Dramaturgie, des Gesangs, des Balletts und der Pantomime.
Über Ihre mit dem Schaffen dieses Werkes verbundenen notationellen Entwicklungen sprechen Sie dann auch 1968 bei den Berliner Festwochen auf der Internationalen Woche für experimentelle Musik.
© A A R E D I T I O N I N T E R N A T I O N A L 2001