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Avant Garde Musik
Fortsetzung 21

PETER HÜBNER: Ne­ben der so­ge­nann­ten Or­ches­ter­fas­sung mit in­te­grier­tem elek­tro­ni­schem Teil gibt es auch noch ei­ne rein elek­tro­ni­sche Fas­sung. Die­se elek­tro­ni­sche Oper ha­be ich dann „Kau­sa­li­tät“ ge­nannt; denn ge­hen wir da­von aus, daß Kau­sa­li­tät die Be­zie­hung zwi­schen Ur­sa­che und Wir­kung ist, und ge­hen wir da­von aus, daß Ur­sa­che und Wir­kung von­ein­an­der ab­hän­gig sind, dann läßt sich die­ses Prin­zip po­la­rer Ab­hän­gig­keit sehr viel­fäl­tig und viel­schich­tig in der Oper „Fluch oder Se­gen: doch“ wie­der­fin­den.

JOUR­NA­LIST: Bei „Fluch oder Se­gen: doch“ und „Kau­sa­li­tät“ han­delt es sich al­so um die Or­ches­ter­fas­sung so­wie um die elek­tro­ni­sche Fas­sung ein und der­sel­ben Oper?!

PETER HÜBNER: Ja, so ist es.

JOUR­NA­LIST: In die­se Schaf­fens­zeit der mu­si­ka­li­schen-mensch­li­chen Evo­lu­tion in „Fluch oder Se­gen: doch“ bzw. „Kau­sa­li­tät“ fal­len dann auch Ih­re sehr kri­ti­schen Mu­sik­wer­ke „Ener­gie I“, „Ver­spä­te­te Ro­man­tik“, „Ge­sang ei­nes Au­to­mo­bils“ und „In­di­vi­du­um I“
Bei Ih­nen als dem Kom­po­nis­ten von „Fluch oder Se­gen: doch“ bzw. „Kau­sa­li­tät“ und den an­de­ren ge­nann­ten Wer­ken han­delt es sich nicht um je­man­den, der schlecht und recht das äu­ße­re Hand­werk des Kom­po­nie­rens nach Sche­ma F auf ir­gend­ei­ner Mu­sik­hoch­schu­le stu­diert hät­te, son­dern um ei­nen hun­dert­pro­zen­ti­gen Au­to­di­dak­ten, der mu­si­ka­lisch von al­lem An­fang an nur aus sich selbst her­aus schöpft.
Kön­nen wir dar­aus ab­lei­ten, daß es sich bei die­ser kri­ti­schen Schaf­fens­pe­ri­o­de um die Ent­wick­lung ei­ner Welt­sicht han­delt, die sich zwi­schen den Jah­ren 1958 und 1966 in Ih­rem In­ne­ren voll­zo­gen hat: ha­ben Sie die­se Wer­ke in Ih­rem in­ne­ren und äu­ße­ren Le­ben er­lebt und durch­lebt?!

Und es stellt sich hier auch noch die Fra­ge, ob die­ser phi­lo­so­phi­schethi­schen Ent­wick­lung oder der mu­si­ka­li­schen Ent­wick­lung der Vor­rang ein­zu­räu­men ist.

PETER HÜBNER: Zwei­fels­frei hat im­mer die Ent­wick­lung ei­ner in­ne­ren mu­si­ka­li­schen Vor­stel­lung struk­tu­rell ei­nen Ein­fluß auf die Ent­wick­lung des all­ge­mei­nen Den­kens und so­mit auch auf die Ent­wick­lung des phi­lo­so­phi­schen oder ethi­schen Den­kens.

Und wenn man da­von aus­geht, daß in „Fluch oder Se­gen: doch“ die mu­si­ka­li­sche Ent­wick­lung aus der Ein­heit ganz sys­te­ma­tisch sich aus al­len Nor­men be­frei­end die Rich­tung zur Viel­falt ein­schlägt und schließ­lich auch wie­der in der Ein­heit en­det, dann ist es nur ver­ständ­lich, wenn die­ser Pro­zeß der mu­si­ka­li­schen Be­frei­ung in die­sem Büh­nen­werk auch in­halt­lich wie­der­zu­fin­den ist: in der Rol­le je­nes Haupt­ak­teurs Kchatom.

JOUR­NA­LIST: Mit „Fluch oder Se­gen: doch“ sto­ßen Sie für den Mu­si­ker des klas­si­schen Or­ches­ters schritt­wei­se im­mer ge­ziel­ter je­ne To­re frei­er mu­si­ka­li­scher Ge­stal­tung auf, wie sie bis­her nur der Mu­si­ker des Free-Jazz kennt, und Sie tun das Ent­spre­chen­de für den Re­gis­seur, für den Büh­nen­bild­ner und: für all je­ne Dar­stel­ler, die nach Frei­heit stre­ben.
Gro­ße Opern­re­gis­seu­re wie Oscar Fritz Schuh, In­ten­dant des Deut­schen Schau­spiel­hau­ses in Ham­burg und Harry Buckwitz, Prä­si­dent der Deut­schen Aka­de­mie der Dar­stel­len­den Küns­te Frank­furt und Ge­ne­ral­in­ten­dant der Städ­ti­schen Büh­nen Frank­furt, ha­ben sich nach Fer­tig­stel­lung die­ses Wer­kes für des­sen Re­a­li­sie­rung stark ge­macht.
Der Ver­lag Schott’s Söh­ne in Mainz woll­te den Ver­trieb die­ses Wer­kes be­treu­en ...

PETER HÜBNER: Aber mei­ne Ge­sprä­che mit be­kann­ten Neu­tö­ner-Di­ri­gen­ten die­ser Zeit der spä­ten Mit­te un­se­res 20. Jahr­hun­derts of­fen­bar­ten mir, daß dort auf der mu­si­ka­li­schen Sei­te der "In­ter­pret" auf ei­ne sol­che von in­nen her­aus ge­führ­te The­ma­tik über Sinn und Zweck der mensch­li­chen Exis­tenz gar nicht vor­be­rei­tet war.

In­so­fern rie­ten mir die Re­gis­seu­re auch, für die Re­a­li­sie­rung die­ses Stü­ckes nicht-mu­si­ka­lisch-ver­bil­de­te Mit­wir­ken­de zu wäh­len – aber wie soll­te ei­ne Oper ohne die Fach­leu­te aus dem Be­reich der Mu­sik in­sze­niert wer­den?!

JOUR­NA­LIST: Wohl aus die­sem Grun­de lie­ßen Sie den Ge­dan­ken an ei­ne Auf­füh­rung erst ein­mal fal­len und be­schäf­tig­ten sich mit ei­nem neu­en Büh­nen­werk: „Ge­sang des Le­bens“.

PETER HÜBNER: : In die­sem neu­en Mu­sik­epos „Ge­sang des Le­bens“ baue ich dann auf je­ne über­ge­ord­ne­te Welt­sicht des Kchatom auf und set­ze mich von die­sem neu­en Er­kennt­nis­stand­punkt aus mit Sinn, Ziel und Zweck der Welt aus­ein­an­der so­wie mit der Rol­le ih­res Er­bau­ers – nur daß die­se Welt jetzt nicht mehr die Au­ßen­welt ist – je­ne all­be­kann­te Öko­lo­gie so­wie je­nes äu­ße­re Stre­ben nach „Voll­en­dung“ oder bes­ser ge­sagt: nach Zer­stö­rung die­ser äu­ße­ren Welt –, son­dern die mensch­li­che In­nen­welt des frei­en Wil­lens und der schöp­fe­ri­schen Phan­ta­sie.



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