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Avant Garde Musik
Fortsetzung 22

Die Musikentwicklung
der letzten hundert Jahre

JOUR­NA­LIST: Sie nen­nen die Mu­sik­ent­wick­lung der letz­ten hun­dert Jah­re ei­ne „wi­der­na­tür­li­che Ent­wick­lung“, wie wol­len Sie das be­grün­den?

PETER HÜBNER: Wi­der­na­tür­lich, weil sie die na­tür­li­chen Har­mo­nie­ge­set­ze des Mi­kro­kos­mos der Mu­sik miß­ach­tet – al­so ge­gen die na­tür­li­chen Ent­fal­tungs­ge­set­ze ver­stößt, die die Na­tur bei der Struk­tur­ent­wick­lung ei­nes To­nes und ei­nes Lau­tes zur An­wen­dung bringt.

Und mit die­ser Miß­ach­tung der na­tür­li­chen Ton- und Laut­ge­stal­tungs­ge­set­ze des Mi­kro­kos­mos der Mu­sik ver­letzt der „Neu­tö­ner“ auch die na­tür­li­che Funk­tion we­sent­li­cher für die Über­mitt­lung von Mu­sik not­wen­di­ger Be­rei­che:

  1. Ein­mal die Funk­tion un­se­res in­ne­ren Ohrs, die sich voll­stän­dig an die­sen Ton- und Laut­ge­stal­tungs­ge­set­zen der Na­tur ori­en­tiert – für den er­taub­ten Beethoven ab der Mit­te sei­nes Le­bens zum Mu­sik­schaf­fen ei­ne un­be­ding­te Vor­raus­set­zung;

  2. zum an­de­ren die Funk­tion un­se­res äu­ße­ren Oh­res, des­sen Ent­ste­hung voll­stän­dig an die­sen Ton- und Laut­ge­stal­tungs­ge­set­zen der Na­tur ori­en­tiert ist und un­ser Hör­or­gan so­gar – wie die mo­der­ne Wis­sen­schaft er­kannt hat – nach die­sen Har­mo­nie­ge­set­zen struk­tu­riert;

  3. dann die Funk­tion un­se­rer mensch­li­chen Stim­me, die eben­falls für ei­ne Be­rück­sich­ti­gung die­ser har­mo­ni­ka­len Ge­stal­tungs­ge­set­ze kon­zi­piert ist, und schließ­lich – die Funk­tion der na­tür­li­chen Mu­sik­in­stru­men­te, die in ih­rer Ton­ent­fal­tung eben­so die­sen na­tür­li­chen har­mo­ni­ka­len Ge­stal­tungs­ge­set­zen ge­hor­chen.

JOUR­NA­LIST: Wel­che Fol­gen hat­te die­se Ein­sicht für Sie?

PETER HÜBNER: Für mich stand fest, daß we­gen die­ser Grün­de die Ent­wick­lung der ato­na­len Kom­po­si­ti­ons­tech­ni­ken aus der Sicht der Na­tur Feh­lent­wick­lun­gen wa­ren.

Die­se Er­kennt­nis war für mich al­les an­de­re als be­quem; denn al­le, die sich als an­er­kann­te Avant­gar­dis­ten an der „Spit­ze“ der mu­si­ka­li­schen Ent­wick­lung wähn­ten, hul­dig­ten die­sen Feh­lent­wick­lun­gen.
Im erns­ten Mu­sik­be­trieb je­ner Zeit galt ei­ne Ab­kehr von die­ser un­na­tür­li­chen Aus­rich­tung der Neu­tö­ner hin zu har­mo­ni­ka­len Kom­po­si­ti­ons­struk­turen ge­ra­de­zu als ei­ne Rück­kehr zur „Stein­zeit der Mu­sik“ und war gleich­be­deu­tend mit dem „Aus“ der äu­ße­ren be­ruf­li­chen „Kar­rie­re“ als Kom­po­nist – wenn man ei­ne sol­che an­streb­te.

JOUR­NA­LIST: Und die­sem Irr­tum war die ge­sam­te mo­der­ne Mu­sik­welt er­le­gen?

PETER HÜBNER: Nun, im­mer­hin soll­ten und sol­len ja seit Arnold Schönberg über­all in der Welt die Sän­ger und Mu­si­ker mit ih­ren Stim­men und In­stru­men­ten auch ei­ne „Zeit­ge­nös­si­sche Mu­sik“ auf­füh­ren, wel­che struk­tu­rell ohne Rück­sicht auf die na­tür­li­chen Laut- und Ton­ent­fal­tungs­ge­set­ze kon­zi­piert ist und wel­che des­halb bei der Auf­füh­rung auf den hef­tigs­ten Wi­der­stand der mensch­li­chen Stim­me so­wie der Mu­sik­in­stru­men­te trifft und dem­ent­spre­chend dann auch für vie­ler Leu­te Oh­ren so scheuß­lich klingt.

Nach mei­ner Im­ma­tri­ku­la­tion an der Mu­sik­hoch­schu­le Köln er­lag ich als mo­der­ner „Avant­gar­dist“ ja auch selbst erst ein­mal die­sem Irr­weg.
Aber dann wur­de mir klar, daß mei­ne „ne­ga­ti­ve“, schar­fe mu­si­ka­li­sche Kri­tik an den über­al­te­ten, kor­rup­ten Struk­tu­ren von ei­ner Mu­sik un­ter­stützt – wenn nicht gar ent­schei­dend mit­ge­stal­tet – wor­den war, wel­che sich struk­tu­rell nicht an den na­tur­ge­ge­be­nen Har­mo­nie­ge­set­zen des Mi­kro­kos­mos der Mu­sik ori­en­tiert und wel­che sich des­halb fol­ge­rich­tig nur auf Zer­stö­rung rich­tet, ja wel­che ei­nen Men­schen ge­ra­de­zu in den Me­cha­nis­men der Zer­stö­rung aus­bil­det, in­dem sie sein Den­ken struk­tu­rell zur Zer­stö­rung er­zieht.

Mei­ne For­schun­gen im Mi­kro­kos­mos der Mu­sik führ­ten mich al­so da­mals klar und deut­lich zu der Er­kennt­nis, daß die ato­na­le Zwölf­ton­mu­sik und die da­ran an­ge­knüpf­te se­riel­le Mu­sik all je­ner, die sich als ver­meint­li­che Fort­füh­rer der klas­si­schen Mu­sik an­sa­hen, den ein­zel­nen Mu­si­ker und über die­sen den ein­zel­nen Hö­rer to­nal in den Me­cha­nis­men der Un­na­tür­lich­keit so­wie der Zer­stö­rung aus­bil­den.

JOUR­NA­LIST: Und wie se­hen Sie die Wir­kung der mo­der­nen Un­ter­hal­tungs­mu­sik?

PETER HÜBNER: Die gan­ze Un­ter­hal­tungs­mu­sik von der seich­ten Wel­le bis zum har­ten Rock tut das­sel­be über­wie­gend mit Hil­fe fi­xier­ter rhyth­mi­scher Struk­tu­ren.

Wie ver­hee­rend z.B. Rock­mu­sik auf na­tür­li­che Le­bens­vor­gän­ge wirkt, zeigt sich in den For­schungs­er­geb­nis­sen ame­ri­ka­ni­scher Me­di­zi­ner, die fest­ge­stellt ha­ben, daß Ratten, die bei Rock­mu­sik auf­wach­sen, im Ver­gleich zu ih­ren Art­ge­nos­sen, die in ei­ner für Ratten na­tür­li­chen Klang­um­ge­bung her­an­wach­sen, psy­cho­lo­gisch gleich­sam zer­stört wer­den und schließ­lich so­gar phy­si­o­lo­gi­sche Ver­wach­sun­gen im Ge­hirn auf­wei­sen.



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