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Fortsetzung 23

Alte Irrtümer – neue Einsichten

JOUR­NA­LIST: War­um ha­ben Sie da­mals nicht öf­fent­lich über Ih­re Er­kennt­nis­se be­rich­tet?

PETER HÜBNER: Ich woll­te ur­sprüng­lich auf der In­ter­na­tio­na­len Wo­che für Ex­pe­ri­men­tel­le Mu­sik bei den Ber­li­ner Fest­wo­chen 1968, wo ich als Re­fe­rent ein­ge­la­den war, über die­se For­schun­gen und den Irr­tum der mo­der­nen Mu­sik­ent­wick­lung in der Avant­gar­de be­rich­ten.

Aber der ver­ant­wort­li­che Ver­an­stal­ter der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin schreck­te vor ei­ner sol­chen Of­fen­ba­rung zu­rück und sah da­durch den gan­zen Kon­greß ge­fähr­det, da ja al­le avant­gar­dis­ti­schen Teil­neh­mer aus al­ler Welt je­nem be­sag­ten Irr­tum er­le­gen wa­ren und die­ser Kon­greß ja ge­ra­de zur Hul­di­gung die­ses Irr­tums statt­fand.
Er bat mich des­halb ein­dring­lich, ein an­de­res The­ma zu wäh­len.

JOUR­NA­LIST: So be­rich­te­ten Sie auf die­sem Welt­gip­fel der Mu­sik „nur“ über drei neue von Ih­nen ent­wi­ckel­te No­ta­ti­ons­ver­fah­ren*.

Wel­che Fol­gen hat­ten die­se Ein­sich­ten in die na­tür­li­chen Har­mo­nie­ge­set­ze des Mi­kro­kos­mos der Mu­sik für Ihr wei­te­res mu­si­ka­li­sches Schaf­fen?

PETER HÜBNER: In die­se Zeit der ers­ten Ein­sich­ten in die na­tur­ge­ge­be­nen to­na­len und rhyth­mi­schen Struk­tur­ent­wick­lun­gen des Mi­kro­kos­mos der Mu­sik fällt mei­ne Ab­kehr von der so hoch­mo­der­nen ato­na­len Avant­gar­de der Zwölf­tö­ner und se­riel­len Kom­po­nis­ten und mei­ne im­mer deut­li­che­re mu­si­ka­li­sche Ori­en­tie­rung an den na­tür­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten des Mi­kro­kos­mos der Mu­sik – und zwar im Rah­men mei­ner in­stru­men­ta­len Kom­po­si­tio­nen ge­nau­so wie in mei­nen elek­tro­ni­schen Wer­ken.

JOUR­NA­LIST: In die­ser Über­gangs­zeit ent­stan­den Ih­re Wer­ke „Faust“, „Licht­fä­den“ und „Elek­tro­ni­sche Chö­re“.

PETER HÜBNER: Es sind dies drei elek­tro­ni­sche Kom­po­si­tio­nen, in wel­chen ich mich rhyth­misch und to­nal mit dem Mi­kro­kos­mos der Mu­sik aus­ein­an­der­set­ze – und bei den Elek­tro­ni­schen Chö­ren so­gar auch noch tief im In­ne­ren des Mi­kro­kos­mos der Mu­sik auf ei­nen Sub-Mi­kro­kos­mos der Mu­sik sto­ße.

JOUR­NA­LIST: Die­se drei Kom­po­si­tio­nen „Faust“, „Licht­fä­den“ und „Elek­tro­ni­sche Chö­re“ mar­kie­ren ei­ne Wen­de in Ih­rem mu­si­ka­li­schen Wir­ken. An die Stel­le der schar­fen ato­na­len mu­si­ka­li­schen Ge­sell­schafts­kri­tik, die zwar Struk­tu­ren zer­stö­ren kann, aber un­fä­hig ist, na­tür­li­che Struk­tu­ren zu stär­ken, tre­ten die ers­ten Schrit­te zur be­wuß­ten mu­si­ka­li­schen Re­so­nanz mit den Har­mo­nie­ge­set­zen der Na­tur.
An die Stel­le der ge­walt­tä­ti­gen Re­vo­lu­tion tritt die na­tür­li­che Evo­lu­ti­on.

PETER HÜBNER: Doch war dies da­mals für mich kei­ne mu­si­ka­li­sche Fra­ge son­dern ei­ne ethi­sche Ent­schei­dung.

Ob man sich in sei­nem mu­si­ka­li­schen Wir­ken nach den na­tur­ge­ge­be­nen Har­mo­nie­ge­set­zen des Mi­kro­kos­mos der Mu­sik bzw. des bio­lo­gi­schen Le­bens oder der Schöp­fung rich­tet oder nicht, ist spä­tes­tens heu­te nicht mehr nur Fra­ge ei­nes mu­si­ka­li­schen Ta­len­tes – und darf auch nicht mehr Fra­ge ei­ner mu­si­ka­li­schen Aus­bil­dung sein –, son­dern ist ein­zig und al­lein ei­ne Fra­ge des Ge­wis­sens.

Dis­har­mo­ni­sche Mu­sik kön­nen Sie auch „miß­ge­bil­de­te Mu­sik“ nen­nen. Ei­ne na­tür­li­che Kom­po­si­tion ent­steht in der na­tür­li­chen Har­mo­nie des mensch­li­chen Her­zens; sie ist von die­ser Le­bens­ebe­ne aus auf na­tür­li­che Wei­se har­mo­nisch und weist in den rhyth­mi­schen und to­na­len Ver­hält­nis­sen na­tür­li­che Pro­por­tio­nen auf.

Dis­har­mo­nie ist die künst­li­che Ver­schie­bung die­ser na­tür­li­chen Pro­por­tio­nen, und Sie kön­nen die Kom­po­si­tio­nen die­ser Gattung viel­leicht am bes­ten mit je­nen Bil­dern Pablo Picassos ver­glei­chen, wo die Ge­sich­ter zer­schnit­ten sind, und ei­ne Hälf­te des Ge­sich­tes nach oben schaut und die an­de­re nach un­ten.
Kein Mensch sieht so aus und ich ken­ne auch nie­man­den, der so aus­se­hen möch­te.

Die Mu­sik der dis­har­mo­ni­schen Avant­gar­dis­ten pro­du­ziert im Hö­rer ge­nau die­se Wir­kung, sie zer­schnei­det des­sen na­tür­li­che in­ne­re Har­mo­nie und lenkt erst sein in­ne­res und schließ­lich sein äu­ße­res Le­ben in un­na­tür­li­che Bah­nen. Das Pro­blem liegt dar­in, daß die­se Kom­po­nis­ten ih­re Mu­sik nicht in­nen hö­ren, wie das der ein­fa­che Bür­ger ei­gent­lich von ei­nem Ton­schöp­fer an­nimmt.

Die Kom­po­si­tio­nen der Neu­tö­ner wer­den qua­si am Reiß­brett kon­stru­iert – theo­re­tisch viel­leicht in­ter­es­sant an­zu­schau­en – aber ohne Be­zug zur Re­a­li­tät der Mu­sik­in­stru­men­te, zum Mi­kro­kos­mos der Mu­sik und da­mit zum na­tür­li­chen Le­ben: eben un­na­tür­lich.

Wenn je­mand die­se Mu­sik spon­tan in sich hö­ren wür­de, dann wür­de er sich ster­bens­krank füh­len. Und ich war gar nicht ver­wun­dert, als mir ein Ber­li­ner Me­di­zin­pro­fes­sor von Stu­dien be­rich­te­te, die auf­zei­gen, daß Mu­si­ker, die häu­fig sol­che ato­na­le Mu­sik spie­len, sehr viel krän­ker sind, als ih­re Kol­le­gen, wel­che sich weit­ge­hend der har­mo­ni­schen Mu­sik wid­men.

JOUR­NA­LIST: Sie wer­den krank an der un­na­tür­lich struk­tu­rier­ten Mu­sik.

PETER HÜBNER: Se­hen Sie, die meis­ten Neu­tö­ner ha­ben nicht ein­mal ei­ne ge­naue in­ne­re Vor­stel­lung von den von ih­nen no­tier­ten Tö­nen und Lau­ten – ge­schwei­ge denn das voll­stän­di­ge in­ne­re Hö­rer­leb­nis ih­rer Kom­po­si­ti­on.

Der klas­si­sche Kom­po­nist be­sitzt von Na­tur aus die Fä­hig­keit, sei­ne Kom­po­si­tio­nen in­nen zu hö­ren – er braucht sie sich nicht am Kla­vier vor­zu­spie­len. Als ich an die Hoch­schu­le kam, dach­te ich, daß es nor­mal wä­re, ein kla­res in­ne­res Hö­rer­leb­nis der ei­ge­nen Kom­po­si­tion zu ha­ben, al­so die Ur­auf­füh­rung des Wer­kes im In­ne­ren zu er­le­ben.

Das, was längst wis­sen­schaft­lich auf­ge­zeigt ist – näm­lich, daß der Ton ei­nes je­den Mu­sik­in­stru­men­tes sei­nen ei­ge­nen Mi­kro­kos­mos hat –, wird heu­te den Stu­die­ren­den viel­leicht an der ei­nen oder an­de­ren Mu­sik­aus­bil­dungs­stät­te theo­re­tisch nä­her­ge­bracht, es hat aber kei­nes­wegs Ein­zug ge­hal­ten in die Bil­dung der in­ne­ren mu­si­ka­li­schen Er­fah­rungs­welt und so­dann in die mu­si­ka­li­sche Ge­stal­tungs­welt des zu­künf­ti­gen Mu­si­kers und Kom­po­nis­ten.

Soll ei­ne mu­si­ka­li­sche in­ne­re Vor­stel­lung und In­ter­pre­ta­tion aber funk­tio­nie­ren, so muß sie die Na­tur je­ner un­end­li­chen Viel­falt des to­na­len und rhyth­mi­schen Le­bens der fei­nen Tö­ne im Ton in­te­grie­ren.

Aber wie sah und sieht in der Re­gel die Re­a­li­tät bei Pro­fes­so­ren und Kom­po­si­ti­ons­stu­den­ten aus: sie ent­wer­fen die Kom­po­si­tio­nen an­hand theo­re­ti­scher Über­le­gun­gen am Reiß­brett oder sie schrei­ben mit Hil­fe des Pi­a­nos Mu­sik, die sie sich mit ih­rem in­ne­ren Ge­hör nicht vor­stel­len kön­nen.
Da­nach be­ginnt für sie das War­ten auf ei­ne Auf­füh­rung, da­mit sie er­fah­ren, wie ih­re Kom­po­si­tion in Wirk­lich­keit klingt.
Dies hat nichts mit ei­ner na­tür­li­chen Kom­po­si­ti­ons­wei­se zu tun.



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©  A A R   E D I T I O N   I N T E R N A T I O N A L   2001