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Avant Garde Musik
Fortsetzung 24

Neue Einsichten – alte Irrtümer

JOUR­NA­LIST: Nach Ih­rer Ab­kehr von der Avant­gar­de be­gan­nen Ih­re Kom­po­si­tio­nen die eben aus­ge­führ­ten mu­si­ka­li­schen und mensch­li­chen Er­kennt­nis­se wi­der­zu­spie­geln, und Sie ent­schlos­sen sich, dem Mu­sik­lieb­ha­ber die mu­si­ka­li­sche Hin­wen­dung zur Na­tür­lich­keit vor­zu­stel­len.

Da dürf­ten Sie wohl kaum mit dem Ver­ständ­nis der Fach­welt ge­rech­net ha­ben; denn Sie ent­schlos­sen sich zu dem glei­chen Schritt, den Richard Wagner so er­folg­reich vor­ge­zeich­net hat­te: Sie wand­ten sich mit Ih­ren Mu­sik­wer­ken di­rekt an das Pub­li­kum: den Bür­ger.

Un­ter dem Ti­tel „En­joy I“ star­te­ten Sie mit Freun­den ei­ne Kon­zert­tour­nee durch Deutsch­land, die in ih­rem Er­folg im Be­reich der zeit­ge­nös­si­schen erns­ten Mu­sik ohne Bei­spiel war.
Be­son­ders die Ju­gend ström­te in Ih­re elek­tro­ni­schen Kon­zer­te, und 800 bis 1200 Be­su­cher pro Kon­zert wa­ren die Re­gel – und dies zu ei­ner Zeit, wo Ur­auf­füh­run­gen welt­be­kann­ter Neu­tö­ner in Deutsch­land mit Ach und Krach ge­ra­de so 150-200 Hö­rer an­zo­gen.
Der Er­folg Ih­rer Tour­nee „En­joy I“ beim Pub­li­kum gab Ih­nen al­so recht. Was aber sag­te die Fach­welt da­zu?

PETER HÜBNER: Eini­ge wur­den nach­denk­lich, et­li­che schäum­ten.
Um das zu ver­ste­hen, müs­sen Sie die Ver­hält­nis­se be­den­ken, die die Avant­gar­de-Eli­te ge­schaf­fen hat­te: sie hat­te dem mu­si­ka­li­schen Cha­os Tor und Tür ge­öff­net – wo doch ge­ra­de die Mu­sik seit al­ters her die klas­si­sche Dis­zi­plin ist, na­tür­li­che Ord­nun­gen dar­zu­stel­len und im Hö­rer zu be­le­ben.

Da die na­tur­ge­ge­be­nen har­mo­ni­ka­len Struk­tu­ren des Mi­kro­kos­mos der Mu­sik in den ato­na­len Kom­po­si­tio­nen gar kei­nen Stel­len­wert ha­ben, ge­schieht die Be­ur­teil­ung der Qua­li­tät sol­cher Mu­sik im­mer nur auf in­tel­lek­tu­el­lem We­ge.
Da hat nun so man­cher Chao­ti­ker mit größ­ter An­stren­gung das Sys­tem der Mo­der­nen Mu­sik eta­bliert, re­det in­tel­lek­tu­ell da­her, fa­bri­ziert kom­pli­zier­te Kon­struk­tio­nen auf sei­nem Kom­po­si­ti­ons­reiß­brett und pro­kla­miert die­se dann keck mit vie­len gu­ten Be­zie­hun­gen als „Mu­sik".
Und nun kommt ein ein­zel­ner so ganz al­lei­ne und ohne den in­tel­lek­tu­el­len Schutz der Neu­tö­ner­mas­se da­her und glaubt al­le die­se mo­der­nen dis­so­nan­ten Er­run­gen­schaf­ten ein­fach ig­no­rie­ren zu kön­nen!

Bei ei­nem Mu­sik­werk, das der na­tür­li­chen Har­mo­nie ver­pflich­tet ist, hört je­der, ob der Kom­po­nist zu­min­dest sein Hand­werks­zeug be­herrscht: wenn er die Har­mo­nie­ge­set­ze ver­letzt, klingt es schräg und schief, und da dem Men­schen das Ge­spür für mu­si­ka­li­sche Har­mo­nie von Ge­burt aus mit­ge­ge­ben ist, kann sol­che Feh­ler so­gar ein Kind iden­ti­fi­zie­ren – ganz ohne in­tel­lek­tu­el­le mu­si­ka­li­sche Bil­dung.

Das sagt zwar noch nichts über den künst­le­ri­schen Wert ei­ner sol­chen Kom­po­si­tion aus – sehr wohl aber über die Qua­li­tät der Hand­werks­kunst beim Kom­po­nis­ten.
Au­ßer­dem gibt es für die Be­ur­teil­ung der Hand­werks­kunst ei­nes har­mo­ni­schen Kom­po­nis­ten ei­ne gan­ze Rei­he wei­te­rer Kri­te­rien: sein Um­gang mit der To­na­li­tät, mit der Har­mo­nie, mit dem Rhyth­mus, mit dem Kon­tra­punkt und vie­les mehr ge­ben ob­jek­ti­ve Aus­kunft über das hand­werk­li­che Ni­veau des Kom­po­nis­ten.
Der har­mo­ni­ka­le Rah­men schreibt dem har­mo­nisch kom­po­nie­ren­den Ton­schöp­fer klar um­ris­sene Ar­beits­be­din­gun­gen vor, auf dem er sein Hand­werk aus­füh­ren darf. Ver­läßt er die­sen Rah­men, ver­steht er sein Hand­werk nicht, und das hört dann be­kannt­lich je­des Kind.

Der von au­ßen an die Mu­sik Her­an­ge­hen­de, in des­sen In­ne­rem die Mu­sik nicht auf na­tür­li­che Wei­se he­ran­wächst, der sich aber vor­ge­nom­men hat, kom­ple­xe har­mo­ni­sche Kom­po­si­tio­nen zu er­stel­len, wird meis­tens an die­sen For­de­run­gen des Har­mo­ni­ka­len schei­tern und Ge­fahr lau­fen, in der klas­si­schen Schnul­ze hän­gen zu blei­ben – wie der Fall des Soh­nes Richard Wagners dras­tisch de­mon­striert hat.

In­wie­weit ei­ne har­mo­ni­sche Kom­po­si­tion na­tür­li­ches Le­ben at­met, ist von dem äu­ße­ren Hand­werk weit­ge­hend un­ab­hän­gig und zeigt sich erst dar­in, daß die Mu­sik in der Er­fah­rungs­welt des Hö­rers auf na­tür­li­che Wei­se sub­ti­le und er­fül­len­de Le­bens­fel­der in Schwin­gung zu ver­set­zen ver­mag – was ihn dann ver­an­laßt, die­ses Werk im­mer wie­der hö­ren zu wol­len.
Das Maß an na­tür­li­chem Le­ben erst be­stimmt das künst­le­ri­sche Ni­veau ei­ner Kom­po­si­ti­on.



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©  A A R   E D I T I O N   I N T E R N A T I O N A L   2001