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Avant Garde Musik
Fortsetzung 25

JOUR­NA­LIST: Und die Wer­ke der Neu­tö­ner be­sit­zen kein na­tür­li­ches Le­ben?

PETER HÜBNER: Da bei den Neu­tö­nern der har­mo­ni­ka­le Rah­men fehlt, kön­nen die­se Kom­po­si­tio­nen kein na­tür­li­ches Le­ben at­men, denn Har­mo­nie ist der in­ne­re We­sens­zug na­tür­li­chen Le­bens.
Des­halb hat auch nicht ei­nes die­ser Wer­ke ei­nen Er­folg beim ein­fa­chen Hö­rer er­zielt.

All die Un­sum­men, die die Opern­häu­ser, Kul­tur­äm­ter, Re­gie­run­gen und Mu­sik­hoch­schu­len dem Bür­ger zur För­de­rung die­ser Mu­sik be­son­ders in Deutsch­land ab­ver­langt ha­ben und ab­ver­lan­gen, ha­ben nicht ein ein­zi­ges Werk her­vor­ge­bracht, das auch nur tau­send schlich­te Bür­ger un­se­res Lan­des schön fän­den.
Das muß auch den hart­nä­ckigs­ten Ver­tre­ter sol­cher Mu­sik nach­denk­lich stim­men.

JOUR­NA­LIST: Und wie steht es dann mit der Hand­werks­kunst der Neu­tö­ner?

PETER HÜBNER: Das Feh­len des har­mo­ni­ka­len Rah­mens hat auch sei­ne Aus­wir­kung auf die kom­po­si­to­ri­sche Hand­werks­kunst der Neu­tö­ner: man kann die For­de­run­gen bei­spiels­wei­se der Zwölf­ton­mu­sik durch simp­le Re­chen­ope­ra­tio­nen er­fül­len.

Ich kann ei­nem mu­si­ka­lisch nor­mal be­gab­ten Bür­ger – sa­gen wir ei­nem Be­schäf­tig­ten bei Volks­wa­gen oder Phi­lips – die­se For­de­run­gen in we­ni­gen Ta­gen er­klä­ren, und er kann dann nach kur­zer Zeit die kom­pli­zier­tes­ten mu­si­ka­li­schen Reiß­brett­kon­struk­ti­onen ab­lie­fern, die in al­lem den An­for­de­run­gen der Avant­gar­de-Mu­sik ent­spre­chen.

Wenn er jetzt auch noch be­ginnt, sich laut­hals als mu­si­ka­li­scher Avant­gar­dist zu be­zeich­nen und schließ­lich flei­ßig und wen­dig gu­te Be­zie­hun­gen zu Avant­gar­de-Kri­ti­kern und -Mo­de­ra­to­ren auf­baut – die ja auch oft Kom­po­si­tion stu­diert ha­ben, de­nen es aber nicht ge­lun­gen ist, als Kom­po­nis­ten he­raus­zu­kom­men und die des­halb nun bei der Zei­tung oder beim Rund­funk ge­lan­det sind –, so ha­ben sie hier das ty­pi­sche Ni­veau ei­ner sehr gro­ßen Schar von Avant­gar­de-Mu­si­kern und ih­ren För­de­rern.

Da es ja für man­che schick ist, Kom­po­nist zu sein, und da die ato­na­le Mu­sik über­haupt kein na­tür­li­ches mu­si­ka­li­sches Ta­lent ver­langt, ha­ben ei­ne Viel­zahl gel­tungs­be­dürf­ti­ger Chao­ten den Be­ruf des mu­si­ka­li­schen Avant­gar­dis­ten auf­ge­grif­fen und ha­ben heu­te das of­fi­zi­el­le Feld „erns­ter zeit­ge­nös­si­scher Mu­sik­ent­wick­lung“ be­setzt, in wel­chem sie ja nach ih­ren ei­ge­nen Re­geln nichts an­de­res leis­ten müs­sen, als um­ständ­li­che No­ten­kon­struk­tio­nen zu kre­ie­ren und die­se dann kom­pli­ziert zu er­läu­tern.



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©  A A R   E D I T I O N   I N T E R N A T I O N A L   2001