AAR EDITION INTERNATIONAL
 
 
 
 
 
 
 
Ethnische Musik
Fortsetzung 14
 
Die Verwandtschaften in der Musik


 
 
Bei je­dem von uns läßt sich auf ei­ne Mut­ter schlie­ßen, die uns ge­bo­ren hat. Wenn man al­so ei­nen Men­schen sieht, dann weiß man: er hat ei­ne Mut­ter, auch wenn man die Mut­ter nicht sieht.

 
Erkenntnis der musikalischen Beziehung zwischen Motiv und Sequenz
 
Aus die­sem Wis­sen spricht die Er­kennt­nis ei­nes na­tür­li­chen Prin­zips, und man geht ganz selbst­ver­ständ­lich mit die­sem Wis­sen um.

 
 
Ge­nau­so ver­hält es sich mit der Se­quenz. Wenn man die Welt der mu­si­ka­li­schen Mo­ti­ve er­forscht, so kann man – auch wenn die Se­quenz nicht ohne wei­te­res of­fen­sicht­lich in Er­schei­nung tritt – auf die­se Mut­ter der Mo­ti­ve schlie­ßen.

 
 
So wie die Mut­ter­schaft ei­ner Frau ge­gen­über ei­nem Kind nur vom Kind und von der Mut­ter selbst wahr­haft zu iden­ti­fi­zie­ren ist, ge­nau­so ist die Mut­ter­schaft der Se­quenz nur von der Se­quenz selbst und vom Mo­tiv selbst zu iden­ti­fi­zie­ren, und nur, wenn der Hö­rer es schafft, sich auf der Ebe­ne sei­nes Ge­fühls voll­stän­dig auf das Mo­tiv oder auf die Se­quenz oder auf bei­des ein­zu­stel­len be­zie­hungs­wei­se zu kon­zen­trie­ren, ge­lingt ihm die Er­kennt­nis die­ser Be­zie­hung zwi­schen Mo­tiv und Se­quenz – die Er­kennt­nis die­ser Mut­ter-Kind-Be­zie­hung.

 
 
So er­kennt er bei­spiels­wei­se die Mut­ter – die Se­quenz – mit den Au­gen des Mo­tivs.

 
 
Er er­kennt die Se­quenz da­ran, in­dem er die Kraft iden­ti­fi­ziert, wel­che das Mo­tiv auf sei­ner Rei­se durch die Me­lo­die am meis­ten för­dert, be­schützt und ge­lei­tet.

 
 
Ei­ne äu­ße­re Mög­lich­keit in­tel­lek­tu­el­ler Art, vom Ver­stan­de her die Se­quenz zu er­ken­nen, gibt es nicht.

 
 
Wenn man jetzt wei­ter fol­gern woll­te, wie man – von der Se­quenz aus­ge­hend – die Har­mo­nie er­kennt, so be­deu­tet dies die di­rek­te, un­mit­tel­ba­re Er­kennt­nis des Prin­zips der Va­ter­schaft, vom Stand­punkt der Mut­ter aus ge­se­hen, und woll­te man – vom Mo­tiv aus­ge­hend – die Har­mo­nie er­ken­nen, so wä­re es die Er­kennt­nis der Va­ter­schaft, des We­sens der Va­ter­schaft, vom Kin­de aus ge­se­hen.

 
Erkenntnis der musikalischen Beziehung zwischen Sequenz und Harmonie
 
Erst wenn man die­se We­ge der Er­kennt­nis er­folg­reich durch­schrit­ten hat, kann man in die Si­tu­a­tion ge­lan­gen, mit den Au­gen des Va­ters zu se­hen und das Ge­fühl der le­bens­schaf­fen­den schöp­fe­ri­schen Va­ter­schaft im um­fas­sen­den Sin­ne zu er­fah­ren, wie man mit den Au­gen des Va­ters die Mut­ter und das Kind be­lebt, er­hält, hin­aus in die be­leb­te Welt und wie­der zu­rück in die le­ben­di­ge Welt ge­lei­tet.

 
 
So über­gibt auch die Se­quenz je­weils die Mo­ti­ve an ei­ne an­de­re Se­quenz zur Pfle­ge, da­mit die Kin­der der Kom­po­si­tion sich in der fol­gen­den Welt wei­ter­ent­fal­ten.

 
 
Hier­bei wech­selt die Se­quenz gleich­sam ihr An­ge­sicht, wäh­rend sie im Grun­de stets die­sel­be bleibt: die weib­li­che Ver­kör­pe­rung der Har­mo­nie.

 
 
Die Mo­ti­ve se­hen das neue Ge­sicht der Se­quenz aus ih­rer in­di­vi­du­el­len Blick­rich­tung und wer­den durch die­sen neu­en An­blick in ih­rer neu­en Welt zu viel­fäl­ti­ger neu­er Ak­ti­vi­tät in­spi­riert.

 
Die Funktion der Mutter in der Musik
 
Und im­mer, wenn ih­re in­di­vi­du­el­len Tä­tig­kei­ten zu sehr aus­ein­an­der­stre­ben – zur Dis­har­mo­nie hin – und da­mit aus­ein­an­der­zu­fal­len dro­hen und wenn die Se­quenz­welt, in wel­cher sich die Mo­ti­ve ge­ra­de be­we­gen, ih­re na­tür­li­che At­trak­tion und da­mit ih­re in­te­grie­ren­de Wir­kung ein­ge­büßt hat (sonst wür­den die Mo­ti­ve ja nicht über­wie­gend aus­ein­an­der- und zur Dis­har­mo­nie hin­stre­ben), dann er­hält die Se­quenz durch die Kraft der Har­mo­nie ei­ne gro­ße Aus­strah­lung auf die Mo­ti­ve.

 
 
Durch die­se ver­stärk­te Leucht­kraft zieht die Se­quenz ih­re „Kin­der“, die Mo­ti­ve, wie­der zu sich hin und ge­lei­tet sie in die fol­gen­de neue Welt – zur neu­en Se­quenz: zu sich selbst – mit dem ver­jüng­ten Ge­sicht.

 
 
Auch die­se Ein­sicht be­stä­tigt nur die Er­kennt­nis, daß die klas­si­sche Kom­po­si­tion ih­rem We­sen nach ganz und gar nicht spe­zi­ell mu­si­ka­li­scher Na­tur ist.
Von der tie­fen in­ne­ren Stil­le bis in die äu­ße­ren Ton­räu­me hin­ein re­prä­sen­tiert sie doch nur das uns ver­trau­te Men­schen­le­ben.

 
Das musikalische Bild des vertrauten Menschenlebens
 
Das in sich selbst ru­hen­de Glück ist die Welt der Har­mo­nie; die al­les ver­bin­den­de Lie­be ist das We­sen der Se­quenz.
Die in der Har­mo­nie ver­bor­ge­ne Le­bens­kraft ist die be­le­ben­de Na­tur in den Mo­ti­ven, wel­che – viel­fäl­tig schöp­fe­risch wirk­sam – al­les ver­jün­gend die Welt der Mu­sik durch­dringt.

 
Die Rollen der Familienmitglieder in der Musik
 
In der Form ab­strak­ter Prin­zi­pien woh­nen Mo­tiv­tech­nik, Se­quenz­tech­nik und Har­mo­nik in der Welt der Har­mo­nie und tra­gen die Ge­set­ze, nach de­nen die Har­mo­nie sich bis zur Welt der Tö­ne hin aus­drückt.

 
Die Funktion des Vaters in der Musik
 
Da­bei sind Mo­tiv­tech­nik, Se­quenz­tech­nik und Har­mo­nik die in­te­grie­ren­den Ele­men­te, die Ge­set­zes­trä­ger, die Bin­de­glie­der der Mu­sik.

 
Die Gesetzesträger in der Musik
 
Auf­grund ih­res un­ter­schied­li­chen Po­ten­ti­als an ord­nen­der Kraft er­mög­li­chen sie die schil­lern­de Far­ben­pracht von Mo­ti­ven, Me­lo­dien und Se­quen­zen, und auf­grund ih­rer tie­fen In­te­gra­tion un­ter­ein­an­der be­wir­ken sie die rei­ne Ge­stalt der Schön­heit in der Mu­sik.