AAR EDITION INTERNATIONAL
 
 
 
 
 
 
 
Ethnische Musik
Fortsetzung 30
 
Das zweifache System
der Musikanalyse


 
 
Wäh­rend das Ich des Mu­sik­schaf­fen­den über sei­nen In­tel­lekt auf der Ebe­ne sei­nes Geis­tes die sub­jek­ti­ve Sphä­re er­faßt und als äu­ßerst le­ben­dig er­kennt, tas­tet das­sel­be Ich des Mu­sik­schaf­fen­den von au­ßen her über sei­nen Ge­hör­sinn wie mit ei­nem Meß­in­stru­ment auf der Ebe­ne des Geis­tes den Ton ab und macht den Ton­schöp­fer zum ers­ten Hö­rer sei­nes Wer­kes.

 
Die subjektive und die objektive Methode der Musikerfassung beim Tonschöpfer
 
Da dem Ge­fühls­or­gan des In­tel­lekts sei­ner Na­tur ge­mäß mehr Le­ben an­haf­tet als dem Ver­stan­des­or­gan, emp­fin­det der Mu­sik­hö­rer das auf sei­ner Ge­fühls­ebe­ne emp­fan­ge­ne Wis­sen im­mer als sehr viel le­ben­di­ger als die über sei­nen Ver­stand ein­ge­brach­ten In­for­ma­tio­nen.

 
Das zweifache System der Musikanalyse beim Hörer
 
Ge­mäß die­sem zwei­fach ge­glie­der­ten, vom Ge­fühl und vom Ver­stand ge­präg­ten Sys­tem der mu­si­ka­li­schen In­for­ma­ti­ons­er­fas­sung durch den In­tel­lekt be­trach­tet der Hö­rer das äu­ßerst le­ben­di­ge In­ne­re des mu­si­ka­lisch-geis­ti­gen Ton­raums, wel­ches er über­wie­gend mit sei­nem Ge­fühl er­faßt, als sub­jek­tiv.

 
Die subjektive und die objektive Methode der Musikerfassung beim Hörer
 
Und er be­trach­tet das we­ni­ger le­ben­di­ge Äu­ße­re des mu­si­ka­lisch-geis­ti­gen Ton­raums, wel­ches er mehr mit sei­nem Ver­stan­de er­faßt, dem­ge­gen­über eher als leb­los oder auch als ob­jek­tiv.

 
 
Den­noch ist es dem be­wuß­ten Ich ei­nes auf­merk­sa­men Hö­rers zu je­der Zeit of­fen­bar, daß die Na­tur, wie die Mu­sik sie be­schreibt, stets nur le­ben­dig und sub­jek­ti­ver Art ist und nie­mals tot oder ob­jek­tiv im wis­sen­schaft­lich-ma­te­ri­a­lis­ti­schen Sin­ne.

 
Er­kennt­nis der wirk­li­chen Sphä­re der Mu­sik als voll­stän­dig sub­jek­tiv
 
Die re­a­lis­ti­sche voll­kom­me­ne Be­schrei­bungs­wei­se der le­ben­di­gen Wirk­lich­keit durch das ge­spro­che­ne Wort der Mu­sik ist üb­ri­gens auch von den heu­ti­gen „na­tur­wis­sen­schaft­li­chen“ Kri­te­rien aus ge­se­hen äu­ßerst gründ­lich und sys­te­ma­tisch.

 
Das ge­spro­che­ne Wort der Mu­sik im na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­feu­er
 
Die­se Tat­sa­che macht un­ter an­de­rem die Über­zeu­gungs­kraft der klas­si­schen Mu­sik aus.

 
 
Da sich das Le­ben aber nicht in ra­tio­nal­zah­lig er­faß­ba­re Bah­nen pres­sen läßt und dem­ent­spre­chend des­halb in der klas­si­schen Mu­sik das Ir­ra­tio­na­le über­wiegt und sich des­halb die ein­zel­nen mu­si­ka­li­schen Pa­ra­me­ter zu­ein­an­der im Ver­hält­nis ir­ra­tio­na­ler Zah­len be­we­gen, so er­wächst über­haupt erst aus der re­gier­ten Un­be­re­chen­bar­keit der re­a­lis­ti­schen le­bens­na­hen mu­si­ka­li­schen Spra­che der gro­ße Reiz der Mu­sik.

 
Die regierte Unberechenbarkeit der musikalischen Sprache
 
Ent­ge­gen der üb­li­chen, ma­te­ri­a­lis­tisch-ra­tio­nal ori­en­tier­ten Na­tur­wis­sen­schaft be­schreibt die Mu­sik die Wirk­lich­keit des Le­bens in der phan­tas­ti­schen Ord­nung ir­ra­tio­na­ler Wer­te.

 
Musik im vollkommenen Ordnungssystem irrationaler Werte
 
Für den ge­bil­de­ten Mu­si­ker ist die tat­säch­li­che Welt zwar in­tui­tiv und ganz­heit­lich-be­wußt er­faß­bar, aber er kann sie nur mit ir­ra­tio­na­len Wer­ten kor­rekt be­schrei­ben – will er die Wirk­lich­keit des Le­bens zu­frie­den­stel­lend dar­stel­len.