AAR EDITION INTERNATIONAL
 
 
 
 
 
 
 
Ethnische Musik
Fortsetzung 41
 
„Die Tonsprache ist
Anfang und Ende der Wortsprache.“

Richard Wagner


 
 
Sprache


 
 
Al­les, was sich mit Wor­ten sa­gen läßt, läßt sich sehr viel kür­zer und tref­fen­der über das Mit­tel der Mu­sik mit­tei­len; denn an­ders als die heu­te üb­li­che und ver­ständ­li­che Spra­che be­in­hal­tet die Mu­sik das Po­ten­ti­al der In­te­gra­tion von Raum und Zeit und kann des­halb selbst dem phi­lo­so­phisch un­ge­bil­de­ten Mu­sik­lieb­ha­ber die Welt des Un­end­li­chen er­klä­rend be­schrei­ben.

 
Vergleich
 
Die in­ne­ren kom­po­si­to­ri­schen Ge­stal­tungs­kräf­te der Mu­sik ste­hen ge­nau­so­gut der Spra­che zur Ver­fü­gung.
Aber der phy­si­sche Kehl­kopf schafft es heu­te nicht, den Ge­dan­ken werk­ge­recht in das akus­ti­sche Feld hi­nein­zu­tra­gen; denn die Mit­tel der äu­ße­ren sprach­li­chen Ar­ti­ku­la­tion sind sehr viel be­grenz­ter aus­ge­bil­det als die Mit­tel des Mu­si­zie­rens.

 
Die Einheit der kompositorischen Gestaltungskräfte von Musik und Sprache
 
Dar­über hin­aus hat die heu­ti­ge Spra­che kei­ne voll­kom­me­ne Ge­stalt, das heißt, kei­ne na­tür­li­che In­te­gra­tion von In­halt und Form.
So liegt auf­grund ar­ti­ku­la­to­ri­scher Ver­ein­fa­chun­gen ihr Schwer­ge­wicht in der Se­man­tik.

 
Die unvollkommene Gestalt der heutigen Sprache
 
Wie weit dies geht, zeigt die Exis­tenz ganz ver­schie­de­ner Wort­klän­ge in den ver­schie­de­nen Spra­chen für ein und die­sel­be Sa­che.
Hier hat die Struk­tur ei­nes Wor­tes zu des­sen In­halt, das heißt zu des­sen Be­deu­tung, fast gar kei­ne Be­zie­hung mehr.

 
 
Da wir beim Hö­ren der Spra­che über­wie­gend auf de­ren Be­deu­tung ach­ten und nicht auf ih­re Struk­tur, läßt sich zu­sätz­lich fest­stel­len, daß die pho­ne­ti­sche Struk­tur der Spra­che auf­grund un­se­rer Un­ge­übt­heit im struk­tu­rel­len Hö­ren ei­nen für un­ser mo­men­ta­nes in­tel­lek­tu­el­les Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­mö­gen un­ver­hält­nis­mä­ßig ho­hen und so schnell nicht zu meis­tern­den In­for­ma­ti­ons­fluß hat.

 
Gren­zen des Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­mö­gens in der Spra­che
 
Des­halb er­faßt der heu­ti­ge Mensch das ge­spro­che­ne Wort über­wie­gend mit dem Ver­stan­de – und dann auch nur in ei­ner sehr be­grenz­ten, mehr ka­te­go­ri­schen Be­deu­tung – und fast über­haupt nicht vom Ge­fühl her.

 
Gefühlsarmut des gesprochenen Wortes
 
Aber je­des von uns Men­schen ge­spro­che­ne Wort ist auch sehr stark mit Ge­fühls­in­hal­ten ver­se­hen, und die­se Ge­fühls­in­hal­te be­tref­fen un­se­re in­ne­ren Wün­sche, un­se­ren in­ne­ren Wil­len und un­se­re ganz per­sön­li­chen Mo­ti­va­ti­onen, die wir Spre­chen­den emo­tio­nal in das Wort hin­ein­le­gen, um dem Ge­spro­che­nen zu ir­gend­ei­ner Zweck­er­fül­lung Nach­druck zu ver­lei­hen.

 
 
Je­doch ist im all­ge­mei­nen un­ser Un­ter­schei­dungs­ver­mö­gen auf der Ebe­ne un­se­res Ge­fühls nur ge­ring­fü­gig er­schlos­sen, und sei­ne er­folg­rei­che Ver­wen­dung im Be­reich der Spra­che ist bis­her nur äu­ßerst we­ni­gen Men­schen mög­lich.

 
 
So ist man heu­te ge­wohnt, meist nur über Din­ge zu spre­chen, die selbst nicht über ei­ge­ne Ge­fühls­in­hal­te ver­fü­gen – wie zum Bei­spiel tech­ni­sche Ge­rä­te, tech­ni­sche Vor­gän­ge –, über den gan­zen Be­reich des ma­te­riel­len Le­bens.

 
Gefühlsmäßiges Erfassen der Sprache
 
Aus die­sem Grun­de lohnt sich ein ge­fühls­mä­ßi­ges Er­fas­sen der Um­gangs­spra­che heu­te fast gar nicht, und des­halb hat der Mensch auch nicht ge­lernt, sich vom Ge­fühl her sprach­lich dif­fe­ren­ziert zu ar­ti­ku­lie­ren und mit­zu­tei­len.

 
Status quo
 
„Es gibt Momente, wo ich finde,
daß die Sprache noch gar nichts ist.“

Ludwig van Beethoven