AAR EDITION INTERNATIONAL
 
 
 
 
 
 
 
Ethnische Musik
Fortsetzung 45
 
Die Schmiede der Gedanken


 
 
Un­ser in­ne­res Sprach­or­gan ist nicht nur das na­tür­li­che Or­gan zur Ar­ti­ku­la­tion un­se­rer Spra­che, son­dern es ist gleich­zei­tig auch un­ser na­tür­li­ches Or­gan, un­ser voll­kom­me­nes Werk­zeug zur Ar­ti­ku­la­tion je­des Ge­dan­kens.

 
Die vollkommene Werk­statt zur Artikulation des Gedankens
 
Es ist un­se­re ei­gent­li­che Ge­dan­ken­schmie­de, und so hat es al­le At­tri­bu­te ei­ner rich­ti­gen Schmie­de, um un­se­re Ge­dan­ken in ih­rer Viel­falt zu ge­stal­ten und sie un­se­ren Sin­nen, wel­che un­se­ren Geist un­ab­läs­sig ab­tas­ten, ent­ge­gen­zu­hal­ten.

 
 
Auf ei­ner fei­nen Ebe­ne un­se­rer in­ne­ren Ak­ti­vi­tät – auf der glei­chen Ebe­ne, die wir als die Ebe­ne des Mu­sik­schaf­fens be­zeich­ne­ten – wird un­ter Zu­hil­fe­nah­me der Wär­me des Ge­fühls un­ser in­ne­rer Atem in das Ma­te­ri­al un­se­res Geis­tes hin­ein­ge­pumpt, wo­bei die Ober­flä­che des Geis­tes er­wärmt wird, was de­ren Fle­xi­bi­li­tät er­höht – ge­nau­so wie es ver­gleichs­wei­se mit dem Me­tall in der Esse ei­ner Schmie­de ge­schieht.

 
Das geheime Handwerk auf der Ebene des Musikschaffens
 
Hat un­ser Geist un­ter der ge­schick­ten Hand un­se­res In­tel­lekts – in Ko­or­di­na­tion mit der ge­stal­ten­den Kraft un­se­res Ge­fühls und der ge­stal­ten­den Kraft un­se­res Ver­stan­des – die ge­wünsch­te Form er­reicht, dann wird er vom Ver­stan­des­as­pekt un­se­res In­tel­lekts ab­ge­kühlt, und er er­här­tet: der Ge­dan­ke er­hält sei­ne fes­te Form.

 
Der Prozeß der geistigen Formgebung
 
Jetzt liegt der fer­ti­ge Ge­dan­ke vor, und er be­in­hal­tet al­le At­tri­bu­te, die für un­se­re Sin­nes­wahr­neh­mung er­for­der­lich sind:

 
Die Mechanik der Sinneswahrnehmung
 
Un­ser Seh­sinn ent­nimmt dem Ge­dan­ken beim Ab­tas­ten die äu­ße­re Form – das At­tri­but des Ge­sichts,

un­ser Ge­schmacks­sinn schmeckt den Ge­dan­ken
und nährt sich an ihm,
und un­ser Ge­ruchs­sinn be­schnüf­felt
den Ge­dan­ken von al­len Sei­ten.

 
 
Wenn dies je­man­dem un­wahr­schein­lich vor­kommt, so mag er sich noch ein­mal vor Au­gen füh­ren, was bei ihm selbst im Traum pas­siert: Im Traum denkt er; die Ge­dan­ken wer­den durch das in­ne­re Sprach­or­gan aus dem Geis­te her­aus ge­bil­det.

 
Analyse und Synthese des Gedankens
 
Gleich­zei­tig er­lebt der Träu­men­de – das Ich des Träu­men­den –, und der, wel­cher im Traum hört, ist wie­der­um das Ich des Träu­men­den, und die­ses Hö­ren ge­schieht über sei­nen Ge­hör­sinn, denn im Traum tas­tet der Ge­hör­sinn den ge­träum­ten Ge­dan­ken ab.

 
Die Mechanik der Erkenntnisgewinnung
 
So hört der Träu­men­de nicht au­ßen, son­dern in­nen.

 
 
Und in dem glei­chen Traum tas­tet der Seh­sinn den­sel­ben ge­träum­ten Ge­dan­ken ab wie der Ge­hör­sinn, und was er da sieht, das über­mit­telt er dem Ich des Träu­men­den.

 
 
Und nie­mand wird an­zwei­feln, daß die­ses Se­hen nur in­ner­lich statt­fin­det, denn im Traum sind die Au­gen­li­der ja ge­schlos­sen.

 
 
Eben­so wir­ken die an­de­ren Freun­de der Wahr­neh­mung, der Tast­sinn, der Ge­ruchs­sinn und der Ge­schmacks­sinn: sie al­le amü­sie­ren sich ge­mein­sam auf dem Rum­mel­platz un­se­res Traum­be­wußt­seins.

 
Tägliche Erfahrung des Schaffensprozesses
 
Und der gro­ße Ver­an­stal­ter, das Ich des Träu­men­den, schickt sei­ne Ord­nungs­hü­ter aus: die As­pek­te des In­tel­lekts – mit de­nen er zwi­schen den sinn­li­chen Wahr­neh­mun­gen un­ter­schei­det: zwi­schen Ver­gan­ge­nem und Zu­künf­ti­gem, zwi­schen jetzt und eben, zwi­schen Ho­hem und Tie­fem, zwi­schen Blau­em und Grü­nem, zwi­schen Sü­ßem und Sal­zi­gem, zwi­schen bei­ßen­dem Rauch und mil­dem Flie­der­duft, zwi­schen wei­chen Pols­tern und har­tem Stein, zwi­schen dem Klang der Trom­meln und dem Zir­pen der Gril­le auf dem Gras­halm ne­ben der gro­ßen Brü­cke, über die ge­ra­de mit lau­tem Ge­tö­se die Ei­sen­bahn fährt.