AAR EDITION INTERNATIONAL
Sinfonische Musik
Fortsetzung 1
Die Zukunft der
Klassischen Sinfonie

 

JOUR­NA­LIST: Herr Hübner, aus Ih­ren Bü­chern ent­neh­me ich, daß Sie auch im Fel­de der sin­fo­ni­schen Mu­sik ganz neue An­sich­ten ver­tre­ten. Was kön­nen Sie uns hier­zu sa­gen?

PETER HÜBNER: Nach „Ge­sang des Le­bens“ be­gann ich mit mei­nem sin­fo­ni­schen Schaf­fen, und ich ha­be auch hier das ethi­sche An­lie­gen der gro­ßen klas­si­schen Ton­schöp­fer auf­ge­grif­fen.

Peter Hübner - The Creation of the World

Die Sin­fo­nie zählt zur so­ge­nann­ten „Ab­so­lu­ten Mu­sik“. Ent­ge­gen den Vor­stel­lun­gen ei­nes gro­ßen Teils der Fach­welt han­delt es sich bei den Wer­ken un­se­rer gro­ßen klas­si­schen Ton­schöp­fer – so­weit sie dem Be­reich der Ab­so­lu­ten Mu­sik zu­zu­zäh­len sind – kei­nes­falls um ei­ne von der mensch­li­chen Evo­lu­tion los­ge­lös­te Mu­sik, wel­che viel­leicht auch noch um ih­rer selbst wil­len be­trie­ben wird, son­dern wir ha­ben hier ei­ne ide­a­le Spra­che vor uns, das Le­bens­feld der in­ne­ren Men­schen­kräf­te ge­fühls- und ver­stan­des­mä­ßig zu be­schrei­ben bzw. dar­zu­stel­len.

So­mit ge­hört die­se Mu­sik we­sens­mä­ßig in den Be­reich der Phi­lo­so­phie oder der Le­bens­kunst – wo sie sich dann auch mit der re­li­gi­ö­sen Mu­sik ver­bin­det.

Ih­ren bis­her höchs­ten Aus­druck fin­det die­se Art Ab­so­lu­te Mu­sik, wel­che die Men­schen­wür­de zum al­lei­ni­gen The­ma hat, in der Sin­fo­nie, und hier be­son­ders bei Haydn, Mozart und Beethoven, wel­che sich ja be­kannt­lich nicht vor­ran­gig der Mu­sik, son­dern der Wahr­heit ver­pflich­tet fühl­ten und die Mu­sik als das bes­te ih­nen be­kann­te Mit­tel an­sa­hen, die Wahr­heit auf der Ebe­ne des Ge­fühls und des Ver­stan­des aus­zu­drü­cken.

Und die­se bei­den Haupt­men­schen­kräf­te Ge­fühl und Ver­stand sind dann die Eck­pfei­ler des sin­fo­ni­schen Schaf­fens un­se­rer gro­ßen Ton­schöp­fer für ih­re mu­si­ka­li­sche Evo­lu­tion na­tür­li­cher Men­schen­wür­de.

Wäh­rend sich die Uni­ver­si­tä­ten, Schu­len und of­fi­zi­el­len Bil­dungs­ein­rich­tun­gen dem Er­ler­nen äu­ße­rer Fer­tig­kei­ten wid­men, sa­hen es die gro­ßen klas­si­schen Ton­schöp­fer als ih­re hei­li­ge Pflicht an, den Men­schen im Ge­brauch sei­ner in­ne­ren Fä­hig­kei­ten aus­zu­bil­den – ihm sei­ne in­ne­ren Men­schen­kräf­te als sol­che vor­zu­stel­len, ihn in der Un­ter­schei­dung sei­ner in­ne­ren Men­schen­kräf­te zu un­ter­rich­ten und ihn im aus­ge­wo­ge­nen er­folg­rei­chen Ge­brauch sei­ner in­ne­ren Fä­hig­kei­ten zu schulen.

Peter Hübner - Sonnen Sinfonie

 

Peter Hübner - Mond Sinfonie

 

Peter Hübner - Sternen Sinfonie

JOUR­NA­LIST: Sie ar­bei­ten an ei­nem Zyk­lus von meh­re­ren Sin­fo­nien, de­ren ers­te die Son­nen­sin­fo­nie ist. Wel­che an­de­ren Sin­fo­nien sind Teil die­ses Zyk­lus?
PETER HÜBNER: Es wer­den ins­ge­samt neun Sin­fo­nien sein: die Son­nenSin­fo­nie, die Mond-Sin­fo­nie und die Ster­nen-Sin­fo­nie so­wie die fünf Sin­fo­nien der Er­de, des Was­sers, des Feu­ers, der Luft und des Rau­mes. Die­se acht Sin­fo­nien fin­den ih­re ge­mein­sa­me Ba­sis in der neun­ten Sin­fo­nie, der Sin­fo­nie des Le­bens.

In die­sen neun Sin­fo­nien will ich ent­spre­chend den Re­geln der klas­si­schen Sin­fo­nie das kom­ple­xe Spiel der in­ne­ren und äu­ße­ren Na­tur­kräf­te im Le­ben des Men­schen dar­stel­len und da­bei auch der mu­si­ka­li­schen Hand­werks­kunst neue Tü­ren öff­nen.

Ich be­mü­he mich in die­sem Zyk­lus al­so ent­spre­chend den Re­geln der klas­si­schen Sin­fo­nie mu­si­ka­lisch um ei­ne Dar­stel­lung des Fel­des in­ner­mensch­li­cher Ent­wick­lung. In­so­fern: Grund­sätz­lich nichts Neu­es!

JOUR­NA­LIST: Herr Hübner, Sie stel­len Ihr mu­si­ka­li­sches Wir­ken be­wußt in die Tra­di­tion der gro­ßen Klas­si­ker.
Da Sie in der Re­a­li­sie­rung Ih­rer Wer­ke aber auch sehr viel mit elek­tro­ni­schen Mit­teln ar­bei­ten, führt dies selbst bei Fach­leu­ten im­mer wie­der zu der Fra­ge, war­um ge­ra­de Sie, der Sie sich in Ih­rem Schaf­fen doch be­son­ders der Na­tur ver­pflich­tet füh­len, so oft elek­tro­ni­sche Mit­tel be­nut­zen und nicht aus­schließ­lich und kon­se­quent „na­tür­li­che“ In­stru­men­te ein­set­zen?

PETER HÜBNER: Wenn ei­ne Kom­po­si­tion in mir aus­ge­reift ist, dann hö­re ich sie höchst le­ben­dig in mir tö­nen.
Heu­te sa­gen vie­le so­ge­nann­te An­hän­ger klas­si­scher Mu­sik, ei­ne Mu­sik ist nur dann klas­sisch, wenn sie mit den In­stru­men­ten des klas­si­schen Or­ches­ters auf­ge­führt wird.
Dies be­kun­det nur, daß die­sen Mu­sik­fach­leu­ten die Ein­sicht in den Pro­zeß na­tür­li­chen Mu­sik­schaf­fens fehlt.

Die Na­tur läßt in ei­nem Ton­dich­ter ei­ne klas­si­sche Kom­po­si­tion nicht als Lob­lied auf ir­gend­ein In­stru­men­ta­ri­um ent­ste­hen – ei­ne na­tür­li­che Mu­sik­schöp­fung ist kein akus­ti­scher Selbst­zweck: wenn ei­ne na­tür­li­che Kom­po­si­tion im Geis­te ent­steht, al­so wenn die Na­tur in ei­nem Kom­po­nis­ten ein Mu­sik­werk in sei­ner schöp­fe­ri­schen Phan­ta­sie her­vor­bringt, dann tut sie dies, um dar­in die na­tür­li­che Evo­lu­tion sei­ner viel­fäl­ti­gen in­ne­ren Le­bens­kräf­te an­zu­re­gen.

 

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