In allen hohen Kulturen der Welt und zu allen Zeiten war die Musik als die Königin der Weisheit zur Ausbildung der menschengegebenen Götterkräfte berufen; denn für die Menschen dieser hohen Zeiten schloß die Musik die unendliche Sphärenharmonie ein dem ungebildeten Ohr unerreichbar, aber dem Eingeweihten, dem Wahrheitskenner, dem Wahrheitsliebenden so unendlich vertraut.
So wurden in der Musik der hohen Kulturen die Gesetze der Natur zur Entfaltung gebracht, aber auch jene göttlichen Gaben im Menschen, nach denen der einzelne aus ganz innerer Freiheit heraus vollkommen spielerisch mit den Kräften der Natur umgeht.
Zu allen großen Zeiten der Menschheit war die Musik so fest mit dem praktischen Alltagsleben verbunden, und diese Verbundenheit wurde auch so tief erkannt, daß man die Musik als das grundlegende Mittel zur Bewahrung der bestehenden Kultur ansah.
In allen uns bekannten Hochkulturen stellte die musikalischkünstlerische Schulung den Beginn jeder ernsthaften Menschenbildung dar; denn der Pflege des Geistes galt die zentrale Aufmerksamkeit, um den gesamten Menschen von seinen inneren Qualitäten her zu formen und sein Leben zur Vollendung zu führen.
Als dann im Laufe der Zeiten das Menschengeschlecht die großen Einsichten vergaß und deshalb in den Kampf um das tägliche Dasein hineingeriet, da war mit diesem kulturellen Verfall auch ein Zerfall der Ordnung in der Musik verbunden.
Die großen Denker der Menschheit erklärten sogar, daß erst der Verlust der musikalischen Ordnung den kulturellen Rückgang bewirke.
Ein kulturelles Tief bringt es immer mit sich, daß die Musik nur zum sinnlichen Genuß benutzt wird; und von diesem Moment an gerät die Musik in Verruf.
Gleichzeitig wird die Musik aus der Welt der belebten Stille in den Bereich des kalten Lärms gedrängt, die Orchester steigern sich ins Riesenhafte, und an der musikmachenden Masse zerschellt der Sinn des Lebens.
Der Ausdruck der Interpretation wird wichtiger als der zugrundeliegende Sinn des Musikwerks, und das Überpersönliche wird hinabgezogen in den Bereich menschlicher Leidenschaften.
In der Musikbranche gilt die Aufmerksamkeit der Erregung von körperbezogenen Gefühlen und platten Empfindungen im Menschen.
Das Wissen über das Wesen der Musik geht verloren. Man vergißt, daß die wirkliche Musik menschliche, übermenschliche und kosmische Zusammenhänge aufzeigt, daß die Töne für kosmische Zahlen stehen und wirkungsvolle Symbole sein können.
Daß die Musik die Seele des Menschen verzaubern kann, scheint nur noch in die weltfremde Phantasie einiger Musiknarren zu gehören.