Sterblichkeit der Schrift, Unsterblichkeit der Wahrheit
Die Orchesterprobe im Wandel der Zeiten
Gedächtnishilfen
Virtuosität
Virtuosität
Entfremdete Partiturlesetechnik
Übermittlung uralter Wahrheiten
Anwendung der analytisch geprägten Beschreibungsweise unserer Zeit
Ewige Wahrheiten bleiben sicher ewige Wahrheiten; das Schriftbild jedoch, in welchem sie ausgedrückt werden, ist im Laufe der Zeiten der Veränderung unterworfen.
Und in einer Zeit, die so schnellebig ist wie die unsere, versinken manche Schriften nicht die Wahrheit, aber ihre Darstellung wesentlich schneller, als wir glauben.
Deshalb entziehen sich die klassischen Partituren dem inneren Verständnis, dem bedeutungsgemäßen Erfassen ihres inneren Sinns, wesentlich konsequenter, als so mancher Fachmann sich das träumen läßt.
So wie man heute den Buchstaben a mit einer Schreibmaschine nur auf eine Weise schreibt, aber doch in unterschiedlichen Silben ganz unterschiedlich ausspricht, so hat man zur Zeit der Klassiker zum Beispiel bei einer Violine ein eingestrichenes d (d') zwar nur auf eine Art notiert, aber aus der Gewohnheit des vielfältigen musikalischen Ausdrucks jener Zeit heraus je nach dem kompositorischen Zusammenhang ganz unterschiedlich gespielt.
Die damalige Orchesterprobe (und in gewissem Umfang auch die Notation) diente überwiegend dazu, etwaige Abweichungen von der damals üblichen Musizierpraxis zu korrigieren.
Was daraus geworden ist, zeigt uns die heutige Orchesterprobe mit dem krampfhaften Bemühen, die lebendige Sprache der klassischen Musik in das Kleid der „Schreibmaschinenschrift“ umzuwandeln.
Die Folge ist ein Ersterben des allgemeinen Interesses an dieser Musik beim breiten Publikum.
In der herkömmlichen Notation gab der Komponist dem versierten Spieler nur so wenige Informationen wie möglich, um das von ihm gewünschte Musikresultat herbeizuführen.
Die Spielanweisungen der klassischen Komponisten hatten noch in ihrer eigenen Zeit mehr den Charakter von „Gedächtnishilfen“.
Dies kann man aus der Komplexität der inneren Logik dieser Kompositionen folgern.
Denn es ist nicht anzunehmen, daß diese großen Tondichter beabsichtigten, solche immense innere kompositorische Vielfalt mit derartiger Einfalt des Spiels auszudrücken, wie dies heute exerziert wird.
Der Musiker der klassischen Zeit muß deshalb im Gegensatz zum jetzigen Musiker über eine routinemäßige Virtuosität des Spiels verfügt haben, die dem heutigen analytisch denkenden Musiker unfaßbar erscheint.
aber schlimm für ihn, wenn er zugleich noch
ihr Zögling oder gar ihr Günstling ist.“
Er fände bei dieser Art analytischem Partiturlesen Mittel und Weg vertauscht.
Eine solche Verfremdung liegt natürlich im Laufe der Zeit.
Und gerade wegen der analytisch betonten Beschreibungsweise unserer Zeit bietet sich durch die Technologie unseres Jahrhunderts und hier besonders im Bereich der Elektronik ein zeitgerechtes und vielfältiges Potential zu einer äußerst lebendigen musikalischen Sprachformung und deshalb zur erfolgreichen Übermittlung uralter Wahrheiten.