PETER HÜBNER – NATÜRLICHES MUSIKSCHAFFEN
Teil V
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DIE KRÄFTEFELDER DER MUSIK
    
    
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MUSIK
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Der menschliche Charakterweg
in der musikalischen Form



In der Me­lo­die zeigt das Mo­tiv durch sei­ne Ver­än­de­rung, durch sei­ne Ver­klei­dun­gen, den mensch­li­chen cha­rak­ter­li­chen Ent­wick­lungs­gang in viel­fäl­ti­ger mu­si­ka­li­scher Form.

In der klas­si­schen Kom­po­si­tion sym­bo­li­siert die Me­lo­die in lo­gi­scher Wei­se den ver­nünf­ti­gen in­ne­ren Ent­wick­lungs­pro­zeß des ein­zel­nen Men­schen und ist sei­ne le­ben­di­ge cha­rak­ter­li­che Ent­wick­lungs­be­schrei­bung.

Bei der Mo­tiv­er­wei­te­rung, das be­deu­tet bei der Me­lo­die­bil­dung, ent­steht ei­ne der­ar­ti­ge Ver­flech­tung der Mo­tiv­ver­wand­lun­gen, daß die Tei­le, das heißt die ein­zel­nen Mo­tiv­ge­sich­ter, al­so die ein­zel­nen Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten, in den Hin­ter­grund tre­ten und die in­te­grier­te Ge­samt­heit des um­fas­sen­den Cha­rak­ter­bil­des in Form der Me­lo­die in den Vor­der­grund des mu­si­ka­li­schen Er­eig­nis­ses tritt.

„Die Mo­zart­sche Me­lo­die ist – los­ge­löst von je­der ir­di­schen Ge­stalt – das Ding an sich, schwebt gleich Platons Eros zwi­schen Him­mel und Er­de, zwi­schen sterb­lich und un­sterb­lich – be­freit vom ‚Wil­len‘ –, tiefs­tes Ein­drin­gen der künst­le­ri­schen Phan­ta­sie, des Un­be­wuß­ten, in letz­te Ge­heim­nis­se, ins Reich der ‚Ur­bil­der‘.“
Richard Strauss

Den kon­ven­tio­nel­len An­sich­ten ent­ge­gen ist Me­lo­die nicht et­was, was von sei­ner Auf­ga­ben­stel­lung her spe­zi­ell An­ge­neh­mes be­schreibt.

Die Me­lo­die be­schreibt die Wahr­heit der Cha­rak­ter­bil­dung.

Des­halb ist die Me­lo­die kei­nes­wegs „süß­lich“, wie man dies in über­trie­be­ner Wei­se bei der Un­ter­hal­tungs­mu­sik kennt.

In der klas­si­schen Mu­sik war es nie­mals Auf­ga­be der Me­lo­die, ei­nen Men­schen in plat­ter Wei­se ein­zu­lul­len oder zu be­rau­schen, son­dern sie soll­te über den Weg ih­rer in­ne­ren Ent­fal­tung den Hö­rer un­mit­tel­bar zur Er­kennt­nis um­fas­sen­de­rer mensch­li­cher Wer­te füh­ren – und da­mit zu ei­ge­ner grö­ße­rer in­ne­rer Rein­heit, zu ei­ge­ner grö­ße­rer in­ne­rer Schön­heit, zu ei­ge­ner grö­ße­rer in­ne­rer Macht.

Eben­so wie ein Mensch zu ver­schie­de­nen Zei­ten je­weils ei­ne sei­ner viel­fäl­ti­gen Ei­gen­schaf­ten in den Vor­der­grund tre­ten läßt (sei­ne Mit­men­schen sa­gen da­zu, daß er sich lau­fend än­dert, ein an­de­res Ge­sicht zeigt), ge­nau­so tritt das Mo­tiv mit sei­nen Ver­wand­lun­gen, die es nach­ein­an­der vor­führt, als Me­lo­die im mu­si­ka­li­schen Pro­zeß auf.

In der Me­lo­die drän­gen die in­ne­ren mensch­li­chen Ei­gen­schaf­ten durch den Im­puls der schöp­fe­ri­schen Kraft nach au­ßen in die Welt des Ton­raums und be­wir­ken das ver­än­der­te mu­si­ka­li­sche Er­schei­nungs­bild der han­deln­den Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten, wie von Per­so­nen, von Men­schen, von der Welt.


 

                                                                                 

 

© AAR EDITION INTERNATIONAL 1982
 

 

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