PETER HÜBNER – NATÜRLICHES MUSIKSCHAFFEN
Teil XII
Teil XII
MUSIK UND SPRACHE
    
    
a useful connection
AAR EDITION INTERNATIONAL
Site Map
Kontakt
über uns
 
MUSIK
a useful connection

 

Die vollkommene
Werkstatt
zur Artikulation
des Gedankens

 

 



Das geheime
Handwerk
auf der Ebene
des Musikschaffens

 

 

Der Prozeß
der geistigen
Formgebung

 


Die Mechanik der
Sinneswahrnehmung

 

 

 

 



Analyse und
Synthese
des Gedankens


Die Mechanik
der Erkenntnis-
gewinnung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tägliche Erfahrung des
Schaffensprozesses

Die Schmiede der Gedanken



Un­ser in­ne­res Sprach­or­gan ist nicht nur das na­tür­li­che Or­gan zur Ar­ti­ku­la­tion un­se­rer Spra­che, son­dern es ist gleich­zei­tig auch un­ser na­tür­li­ches Or­gan, un­ser voll­kom­me­nes Werk­zeug zur Ar­ti­ku­la­tion je­des Ge­dan­kens.

Es ist un­se­re ei­gent­li­che Ge­dan­ken­schmie­de, und so hat es al­le At­tri­bu­te ei­ner rich­ti­gen Schmie­de, um un­se­re Ge­dan­ken in ih­rer Viel­falt zu ge­stal­ten und sie un­se­ren Sin­nen, wel­che un­se­ren Geist un­ab­läs­sig ab­tas­ten, ent­ge­gen­zu­hal­ten.

Auf ei­ner fei­nen Ebe­ne un­se­rer in­ne­ren Ak­ti­vi­tät – auf der glei­chen Ebe­ne, die wir als die Ebe­ne des Mu­sik­schaf­fens be­zeich­ne­ten – wird un­ter Zu­hil­fe­nah­me der Wär­me des Ge­fühls un­ser in­ne­rer Atem in das Ma­te­ri­al un­se­res Geis­tes hin­ein­ge­pumpt, wo­bei die Ober­flä­che des Geis­tes er­wärmt wird, was de­ren Fle­xi­bi­li­tät er­höht – ge­nau­so wie es ver­gleichs­wei­se mit dem Me­tall in der Esse ei­ner Schmie­de ge­schieht.

Hat un­ser Geist un­ter der ge­schick­ten Hand un­se­res In­tel­lekts – in Ko­or­di­na­tion mit der ge­stal­ten­den Kraft un­se­res Ge­fühls und der ge­stal­ten­den Kraft un­se­res Ver­stan­des – die ge­wünsch­te Form er­reicht, dann wird er vom Ver­stan­des­as­pekt un­se­res In­tel­lekts ab­ge­kühlt, und er er­här­tet: der Ge­dan­ke er­hält sei­ne fes­te Form.

Jetzt liegt der fer­ti­ge Ge­dan­ke vor, und er be­in­hal­tet al­le At­tri­bu­te, die für un­se­re Sin­nes­wahr­neh­mung er­for­der­lich sind:

  1. Un­ser Seh­sinn ent­nimmt dem Ge­dan­ken beim Ab­tas­ten die äu­ße­re Form – das At­tri­but des Ge­sichts,

    un­ser Ge­schmacks­sinn schmeckt den Ge­dan­ken
    und nährt sich an ihm,

    und un­ser Ge­ruchs­sinn be­schnüf­felt
    den Ge­dan­ken von al­len Sei­ten.
Aber auch un­ser Ver­stand un­ter­sucht den Ge­dan­ken in be­zug auf des­sen ana­ly­tisch er­faß­ba­re Wer­te, und un­ser Ge­fühl spürt das den At­tri­bu­ten des Ge­dan­kens zu­grun­de­lie­gen­de Ge­mein­sa­me auf.

Wenn dies je­man­dem un­wahr­schein­lich vor­kommt, so mag er sich noch ein­mal vor Au­gen füh­ren, was bei ihm selbst im Traum pas­siert: Im Traum denkt er; die Ge­dan­ken wer­den durch das in­ne­re Sprach­or­gan aus dem Geis­te her­aus ge­bil­det.

Gleich­zei­tig er­lebt der Träu­men­de – das Ich des Träu­men­den –, und der, wel­cher im Traum hört, ist wie­der­um das Ich des Träu­men­den, und die­ses Hö­ren ge­schieht über sei­nen Ge­hör­sinn, denn im Traum tas­tet der Ge­hör­sinn den ge­träum­ten Ge­dan­ken ab.

So hört der Träu­men­de nicht au­ßen, son­dern in­nen.

Und in dem glei­chen Traum tas­tet der Seh­sinn den­sel­ben ge­träum­ten Ge­dan­ken ab wie der Ge­hör­sinn, und was er da sieht, das über­mit­telt er dem Ich des Träu­men­den.

Und nie­mand wird an­zwei­feln, daß die­ses Se­hen nur in­ner­lich statt­fin­det, denn im Traum sind die Au­gen­li­der ja ge­schlos­sen.

Eben­so wir­ken die an­de­ren Freun­de der Wahr­neh­mung, der Tast­sinn, der Ge­ruchs­sinn und der Ge­schmacks­sinn: sie al­le amü­sie­ren sich ge­mein­sam auf dem Rum­mel­platz un­se­res Traum­be­wußt­seins.

Und der gro­ße Ver­an­stal­ter, das Ich des Träu­men­den, schickt sei­ne Ord­nungs­hü­ter aus: die As­pek­te des In­tel­lekts – mit de­nen er zwi­schen den sinn­li­chen Wahr­neh­mun­gen un­ter­schei­det: zwi­schen Ver­gan­ge­nem und Zu­künf­ti­gem, zwi­schen jetzt und eben, zwi­schen Ho­hem und Tie­fem, zwi­schen Blau­em und Grü­nem, zwi­schen Sü­ßem und Sal­zi­gem, zwi­schen bei­ßen­dem Rauch und mil­dem Flie­der­duft, zwi­schen wei­chen Pols­tern und har­tem Stein, zwi­schen dem Klang der Trom­meln und dem Zir­pen der Gril­le auf dem Gras­halm ne­ben der gro­ßen Brü­cke, über die ge­ra­de mit lau­tem Ge­tö­se die Ei­sen­bahn fährt.


 

                                                                                

 

© AAR EDITION INTERNATIONAL 1982

 

 

NATÜRLICHES
MUSIK SCHAFFEN
XII.
MUSIK UND SPRACHE
Sprache
Überlegenheit
der Musik gegenüber
der heutigen Sprache
Grundlagenforschung
Das Sprachorgan
Die Schmiede der
Gedanken
Herrschaft über
gebundene und freie
Schaffenskraft
Die Dimension
der schöpferischen
Entfaltung
Kontrolle über die Welt des Denkens
Inhalt und Form,
Bedeutung und Struktur
Die Beteiligung
der Sinne
der Wahrnehmung
am Prozeß der Erkenntnisgewinnung
Sprache der Musik
Der Sprachgebrauch
unserer Vorfahren
Rückschlüsse aus
den Überlieferungen
Das Vermächtnis
unserer Ahnen
Die von unseren Ahnen
an uns gestellte Aufgabe
science                         music                            art
intelligence                  creativity                     harmony