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Musik
AAR EDITION INTERNATIONAL

 

Bildungs-
unterschiede in der
musikalischen Erörterung

 

 

Das Gefühl auf
dem musikalischen
Wege zur Einheit

 

 

Innere Systematik
musikalischer Strukturierung



Der Widerspruch
zwischen Einheit
und Vielfalt in den
relativen musikalischen Erkenntnisfeldern

 

 

 

 

 

 

 


Das Gefühl
strebt immer
zu größerer
musikalischer
Einheit



Der Verstand folgt
dem Gefühl auf
dem musikalischen
Erkenntnisweg

 

 

 

 

 

 


Das Gefühl strebt
nach musikalischer
Schlichtheit

 

 

 


Die Geburtsstunde
des musikalischen
Zweifels

 


Das Gefühl zieht
den Verstand mit
sich zu den
Urmüttern der
Musik

 

 

 


Die Dimension der
Harmonie ist für
den Verstand von
außen unfaßbar

 

 

 



Der Verstand
ahnt die höheren
musikalischen Ordnungen

Musikalische Auseinandersetzung
zwischen Gefühl und Verstand



Mu­si­ka­li­sche Er­ör­te­rung ist die Aus­ein­an­der­setz­ung zwi­schen Ge­fühl und Ver­stand beim Mu­sik­schaf­fen­den, aber auch ge­nau­so­gut beim Mu­sik­hö­rer.

Die­se Er­ör­te­rung kann sehr spie­le­risch sein, wie wir dies bei den Wei­sen er­le­ben, kann aber auch die Form har­ter Aus­ein­an­der­set­zun­gen an­neh­men, wie man das beim Un­ge­bil­de­ten sieht.

Im Ver­lau­fe des mu­si­ka­li­schen Er­kennt­nis­pro­zes­ses strebt un­ser Ge­fühl mit al­ler Schlicht­heit in die Be­rei­che hö­he­rer mu­si­ka­li­scher Ord­nung, denn die Er­kennt­nis hö­he­rer mu­si­ka­li­scher Ord­nung legt in un­se­rem Ge­fühl grö­ße­re Ener­gien frei, und da­durch emp­fin­den wir uns als Hö­rer ge­fühls­mä­ßig ge­stärkt oder auch – wir fin­den uns in un­se­rem Emp­fin­den be­stärkt.

Ge­mäß der in­ne­ren Sys­te­ma­tik der Kom­po­si­tion geht der Weg der Er­kennt­nis­ge­win­nung vom mu­si­ka­li­schen Ton­raum aus über den Mo­tiv­raum und den Se­quenz­raum zur mu­si­ka­li­schen Ein­heit, wel­che in der Har­mo­nie ver­wirk­licht ist.

Un­ser Ver­stand setzt die­sem Ver­lauf der Er­kennt­nis auf­grund ei­ge­ner in­ne­rer Träg­heit erst ein­mal ge­wis­se Wi­der­stän­de ent­ge­gen; denn er er­kennt in den Be­rei­chen hö­he­rer mu­si­ka­li­scher Ord­nung wohl mehr Ein­heit, aber des­halb auch we­ni­ger Viel­falt.

Da nun der Ver­stand je­doch sei­ner Na­tur nach die Viel­falt an­strebt, setzt er sich auf dem Er­kennt­nis­weg mit un­se­rem Ge­fühl aus­ein­an­der.

Er be­müht sich, die­sem klar­zu­ma­chen, daß mit der ver­ti­ka­len, in die Tie­fe füh­ren­den Er­kennt­nis­rich­tung der mu­si­ka­li­sche Weg zur Ge­fühls­du­se­lei an­ge­tre­ten wer­de, und daß das En­de die­ses mu­si­ka­li­schen Er­kennt­nis­pro­zes­ses schließ­lich dort lie­gen müs­se, wo man auch die Schnul­ze fin­det.

Un­ser Ver­stand selbst je­den­falls sieht – von sei­nem Be­dürf­nis nach Viel­falt aus ge­se­hen – erst ein­mal in ei­ner sol­chen Ent­wick­lung kei­nen Sinn und macht dies dem Ge­fühl auch mit der not­wen­di­gen Ver­bis­sen­heit klar.

Wäh­rend sich un­ser Ge­fühl nun vom Ver­stan­de die­se Wor­te der Ein­sicht an­hört, blickt es sehn­süch­tig vom mu­si­ka­li­schen Ton­raum zum Mo­tiv­raum hin, und da­bei be­gin­nen sei­ne Au­gen zu träu­men: es möch­te doch zu ger­ne in den Mo­tiv­raum ein­drin­gen und sich dort glück­li­cher ent­fal­ten als hier in den star­ren Gren­zen des mu­si­ka­li­schen Ton­raums.

Und so gibt der Ver­stand nach und folgt dem Ge­fühl in die Welt der Mo­ti­ve.
Wohl fühlt er sich dann in die­ser fei­ne­ren mu­si­ka­li­schen Er­kennt­nis­welt der Mo­ti­ve wa­cher, und er hat auch die Tö­ne trotz al­ler Mo­tiv­be­we­gun­gen nicht aus den Au­gen ver­lo­ren – er hat sie na­tür­lich noch al­le im Blick­feld und be­ob­ach­tet sie sehr auf­merk­sam.

Aber hier – in der Mo­tiv­welt – emp­fin­det un­ser Ver­stand das Le­ben und den Pro­zeß der mu­si­ka­li­schen Ent­fal­tung als zu schlicht, als ein we­nig zu ein­fach.

Und so hält er des­halb wei­ter­hin stän­dig sei­nen er­ken­nen­den Blick auf die Tö­ne ge­rich­tet – wel­che den Mo­tiv­raum um­ge­ben –, so wie ein Stern­deu­ter, der dau­ernd von sei­ner lang­wei­li­gen Er­de in das hoch­in­ter­es­san­te Welt­all hin­aus­schaut.

Wäh­rend der Ver­stand nun so auf Be­ob­ach­tungs­pos­ten steht, hat un­ser Ge­fühl schon wie­der in ei­nem un­be­ob­ach­te­ten Mo­ment heim­lich in die nächs­te Welt, in die Welt der Se­quenz, hin­ein­ge­blickt, und da zeigt sich ihm noch grö­ße­re Ein­heit, und sei­ne Au­gen wer­den noch glän­zen­der.

Denn dort er­kennt un­ser Ge­fühl ei­ne Welt noch grö­ße­rer mu­si­ka­li­scher Ord­nung, ei­ne Di­men­si­on noch grö­ße­rer mu­si­ka­li­scher Schlicht­heit.

Als un­ser Ver­stand die­sen rüh­ren­den Blick wahr­nimmt, da be­ginnt er all­mäh­lich an den Qua­li­tä­ten des Ge­fühls zu zwei­feln.
Denn er er­kennt so­fort ganz ge­nau: dort­hin soll die Rei­se wei­ter­ge­hen – weg von den Ster­nen, hin­ein in das Le­ben der Sip­pe.

Und so ent­schließt sich der Ver­stand, von nun an si­cher­heits­hal­ber rück­wärts zu ge­hen; denn bei sei­nem wei­te­ren Weg in das Reich der Se­quenz, wel­chen er ja mit dem Ge­fühl schrei­tet, er­schei­nen ihm die ge­lieb­ten Ster­ne im mu­si­ka­li­schen Ton­raum im­mer ent­fern­ter und un­deut­li­cher.

Doch das Ge­fühl zieht ihn mit sich in das Reich der Se­quen­zen, zu den Ur­müt­tern der Mu­sik, aus wel­chen al­le mu­si­ka­li­schen Mo­ti­ve her­vor­ge­hen, wie die Kin­der aus der Mut­ter her­vor­ge­hen – be­vor sie sich auf ih­ren in­di­vi­du­el­len Le­bens­we­gen zu den Me­lo­dien ent­fal­ten.

In der Se­quenz­welt an­ge­langt, wagt der Ver­stand nur ab und zu ei­nen Blick zur Sei­te, an­sons­ten hält er das Au­ge der Er­kennt­nis un­ver­än­dert wei­ter nach au­ßen auf die Wel­ten der Mo­ti­ve und auf die da­hin­ter­lie­gen­de Welt des mu­si­ka­li­schen Ton­raums ge­rich­tet.

Den Blick hin­ter sich in das Reich der Har­mo­nie zu rich­ten, wagt der Ver­stand erst gar nicht, denn schon der Blick zur Sei­te zeigt ihm, daß die mu­si­ka­li­sche Schlicht­heit in der Welt der Se­quenz schon ei­nen sol­chen Grad er­reicht hat, daß er sich da­mit nicht so ohne wei­te­res iden­ti­fi­zie­ren kann.

Das Ge­fühl je­doch schwelgt in ei­ge­nem Le­bens­glück, und ei­ne Er­ör­te­rung zwi­schen Ge­fühl und Ver­stand er­gibt auch, daß sich der Ver­stand in den fei­ne­ren mu­si­ka­li­schen Er­kennt­nis­fel­dern wohl in sich selbst schon woh­ler fühlt.

Er kann von hier aus zwar die weit ent­fern­ten Ge­stir­ne des mu­si­ka­li­schen Ton­raums, die Tö­ne, nicht mehr so ge­nau er­ken­nen, aber der Ver­stand be­ginnt be­reits, die­se auch in den Mo­ti­ven wahr­zu­neh­men, denn die Mo­ti­ve sind ja an­dau­ernd mit den leuch­ten­den Ton­wel­len be­schäf­tigt.

Und ei­gent­lich muß der Ver­stand auch zu­ge­ben, daß er so­gar schon hier in den Se­quen­zen ei­nen Hauch von den Mo­ti­ven ver­spürt – so, wie wenn man von der Mut­ter auf die Kin­der schließt.

Au­ßer­dem fühlt sich der Ver­stand hier in den fei­nen mu­si­ka­li­schen Er­kennt­nis­fel­dern wa­cher, und das ist für ihn ein sehr an­ge­neh­mes Ge­fühl; ja, er meint so­gar, in­tel­li­gen­ter zu sein.


 

                                                                                
 


© AAR EDITION INTERNATIONAL 1982
 

 

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DAS SYSTEM DER INTELLEKTUELLEN ERÖRTERUNG IN DER MUSIK
P E T E R   H Ü B N E R  –  N A T Ü R L I C H E S   M U S I K  H Ö R E N
NATÜRLICHES
MUSIK HÖREN
VORWORT
VI.
DAS SYSTEM DER
INTELLEKTUELLEN
ERÖRTERUNG
Musikalische
Auseinandersetzung zwischen Gefühl
& Verstand
Die nährende Flut
reiner Wachheit
in der Harmonie
Das musikalische Streitgespräch
Der Verstand ohne die vollkommene Nahrung der reinen Selbstbewußtheit
Der Vorgang der verstandesmäßigen Aufklärung in der Musik
Gefühl und Verstand
in der Welt
der Harmonie
Die absolute
Tonsubstanz in
vollkommener Funktion
Das musikalischen
Streitgespräch als die
freieste Art der spielerischen Vielfalt
Musikalische
Herabsetzung
Strukturelle musikalische Wertanalyse
Abbruch
des musikalischen Erkenntnisprozesses
Natürliche Strukturierung
des Tonmusters
in der
Musik

 

 

 

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